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Gesünder leben?

«Ich bin schon dreieinhalb Mal um die Erde gerannt»

Wie wird aus einem Sitzmenschen wieder ein Bewegungsmensch? Der ehemalige Spitzenathlet Viktor Röthlin über die Vorzüge des Laufens – und was das mit Selbstständigkeit im Alter zu tun hat.

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Zur Person

Viktor Röthlin ist einer der erfolgreichsten Schweizer Marathonläufer. Zu seinen grössten Erfolgen zählt unter anderem WM-Bronze 2007 in Osaka und der Europameistertitel 2010 in Barcelona. Bis 2016 hielt er mit 2:07:23 Stunden den Schweizer Rekord über die Marathon-Distanz. Der Obwaldner ist diplomierter Physiotherapeut mit Schwerpunkt Prävention.

Die Evolution, heisst es, hat den weltbesten Dauerläufer geformt: den Menschen. Teilen Sie diese Erkenntnis?

Absolut, und ich konnte diese Fähigkeit ja lange auskosten – von zwölf an bis zum 40. Lebensjahr. Ich bin in meinem Leben schon dreieinhalb Mal um die Erde gerannt. Wenn ich das erzähle, löst es zuweilen Kopfschütteln aus. Dabei ist laufen das Normale, wir sind dazu geboren und es ist in den Genen angelegt. Bei unseren Vorfahren war es für die Nahrungssuche und Jagd schiere Notwendigkeit, grosse Strecken zurücklegen. 

Was fasziniert Sie am Bewegungsapparat?

Seine Plastizität. Voll genutzt und gut trainiert, lässt sich der Bewegungsapparat, also unsere eigene Körperkraft, in Topform bringen. Und dann leisten wir schier Unglaubliches. Einen Marathon zum Beispiel, und das bei durchschnittlich 20 Kilometern in der Stunde! Das hat mich immer fasziniert – mal abgesehen davon, dass ich beim Laufen ganz bei mir und sehr glücklich war.

Warum ist diese einzigartige Laufbegabung bei vielen verkümmert?

Menschen neigen dazu, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, und wo er es bequem haben kann, macht er es sich bequem. Warum zu Fuss gehen, wenn das Auto vor der Tür steht? In Ländern, in denen keine motorisierten Fortbewegungsmittel vorhanden sind, legen Schulkinder heute noch jeden Tag mehrere Kilometer zu Fuss zurück. Bei meinen Trainingsaufenthalten in Kenia habe ich dies beobachtet. Aber wer weiss: Hätten die Kinder einen Schulbus, würden sie wahrscheinlich auch lieber den nehmen.

Wir machen wenig bis nichts aus unserem Erbe. Macht Sie das traurig?

Ich sehe es realistisch. Die Gesellschaft hat sich so entwickelt, und freilich sieht nicht jeder seinen Lebensinhalt darin, Dauerläufer zu werden. Gleichwohl ist bekannt, dass ein Minimum an Bewegung notwendig ist, um gesund zu bleiben. Und hier appelliere ich an die Eigenverantwortung und die Vernunft des Einzelnen. Wer das Glück hat, gesunde Beine zu haben, sollte sie benutzen. Es braucht ja nicht viel, aber oft liegt nicht einmal das Wenige drin. Das macht mich manchmal schon traurig.

Wie wird aus einem Sitzmenschen wieder ein Laufmensch?

Auch, indem man sich klar macht: Bewegung hilft, um im Alter möglichst lange selbständig zu bleiben. Keiner von uns möchte später auf fremde Hilfe angewiesen sein. Bei jemandem, der den lieben langen Tag nur noch sitzt, bildet sich unter anderem die Muskulatur zurück. Das kann zu chronischen Krankheiten führen. Und irgendwann ist man zum Sitzen vielleicht gezwungen. Es zählt also jeder einzelne Schritt.

10 000 Schritte am Tag – was halten Sie von dieser Regel?

Für den Alltag finde ich sie grundsätzlich gut und umsetzbar. Zusätzlich wichtig sind zwei bis drei halbstündige Trainingseinheiten pro Woche. Also rein in die Sportkleider und sich so fordern, dass Herz und Kreislauf in Schwung kommen.

Die Frage, ob Sie jeden Tag laufen, erübrigt sich wahrscheinlich, oder?

Ganz so ist es nicht mehr. Meine aktive Zeit als Läufer habe ich beendet, heute bin ich zur Hauptsache als Coach und Referent tätig. Aber ich mache sonst viel – reiten, Velo und Ski fahren, Seil springen, Liegestützen, regelmässig joggen. Bewegt ist mein Leben noch immer, auch wenn ich keinen Marathon mehr absolviere.


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