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Gesünder leben?

«Fitnesstracker sind da, um uns zu unterstützen»

Sie messen unsere Bewegung und Gesundheit: Mit Fitnesstrackern und Sportuhren haben wir unseren Personal Trainer und Motivator immer dabei. Sportwissenschaftler Michael Schwarz von Medbase Zürich weiss, was die digitalen Begleiter am Handgelenk können. Und welcher zu wem passt.

Herr Schwarz, welche Chancen bieten uns Tracker?

Die Grundidee ist: Motivation zu mehr Bewegung. Denn tatsächlich bewegen wir uns heute meist zu wenig. Was die Tracker attraktiv macht, ist die schnelle Verfügbarkeit der Daten, das direkte Feedback. Wir können gleich auf dem Armband ablesen, was wir schon erreicht haben und was wir noch tun sollten. Zudem können wir die Daten mit einem Smartphone oder Webportal synchronisieren und unser Aktivitätsverhalten langfristig erfassen.

Gibt es allfällige Gefahren solcher Mini-Computer?

Grundsätzlich sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Daten in der Regel weiterverarbeitet werden. Das steht in den AGBs der Hersteller. Die Gefahr einer Abhängigkeit schätze ich eher gering ein. Die digitalen Gadgets sagen uns, was wir im Alltag tun sollen, loben uns, vergeben virtuelle Preise, laden zu Challenges ein. Darauf kann man sich einlassen. Meine Erfahrung zeigt, dass viele das Gerät nach einem anfänglichen Hoch dann aber mit einem vernünftigen Mass nutzen. Auch weil es sonst sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, wenn man alles eintragen und machen soll.

Der Funktionsumfang von Fitnesstrackern und Sportuhren nähert sich immer mehr an. Gibt es eine klare Abgrenzung zwischen Tracker und Uhr?

Ich würde sagen, mittlerweile ist es schwer, diese Abgrenzung zu setzen. Die Geräte unterscheiden sich eher durch ihre Messmöglichkeiten, ihre Sensoren. Viele einfache Fitnesstracker haben heute oft einen Pulsmesser. Während bei hochwertigen Sportuhren auch die Schritt- oder Aktivitäts-Tracking-Funktion mit drin ist. (Lesen Sie unten weiter...)

Wie geht das eigentlich: Wir zählen Schritte, tragen das Gadget aber am Handgelenk. Was passiert, wenn wir die Arme wenig bewegen, wie beim Velofahren?

Bei wenig Bewegung in den Armen funktionieren die Tracker tatsächlich nicht gut. Das Gerät arbeitet mit einem Beschleunigungssensor und mit Algorithmen, die etwa den Armschwung erkennen. Die Aktivitätstracker nannte man früher Schrittzähler, weil sie eben nur Schritte zählen können. Generell ist das Gerät da, um uns zu unterstützen, zu motivieren, die Schrittzahl dient als Anhaltspunkt für unser Aktivitätsniveau.

Auch Smartphone-Apps erfassen Schritte und andere Aktivitäten. Ist das Smartphone eine Alternative für Einsteiger?

Ja, durchaus. Als Schrittzähler ist das Smartphone zwar unter Umständen ungenau, vor allem wenn es viel in der Handtasche herumgetragen wird. Hingegen kann ich mit GPS und einer Running-App die Strecke und Geschwindigkeit genau aufzeichnen. So sehe ich meine Aktivität, meinen Fortschritt. Fünf bis sieben Kilometer entsprechen übrigens 10'000 Schritten. (Lesen Sie unten weiter...)

Motivieren Sie sich

Viele Modelle messen die Herzfrequenz. Welche Aufschlüsse gibt uns dieser Wert?

Die Herzfrequenz ist wichtig für die Bewertung der Intensität der Aktivität. Im Ausdauertraining sollten wir in unterschiedlichen Intensitäten trainieren. Ausgehend von der Herzfrequenz zeigen einige Uhren einen Cardio-Fitness-Level an. Dieser basiert auf einer statischen Berechnung, kann aber eine gute Orientierung sein und ein Ansporn: Sind wir auf einem durchschnittlichen Level, möchten wir uns vielleicht verbessern. Gewisse Modelle verfügen über eine Stresslevelanzeige. Gemessen wird die Herzfrequenzvariabilität, also die zeitliche Differenz zwischen den einzelnen Herzschlägen. Hier gibt es für die Handgelenksmessung noch sehr wenig valide Daten. Spätestens bei der Interpretation lassen einen die Uhren dann allein. Wenn mir die Uhr zeigt: Oh, du bist gestresst, dann kann ich pausieren, ein paar tiefe Atemzüge nehmen – vielleicht nützt es ja.

Früher mass man Herzfrequenz mit dem Pulsgurt. Wie gut ist die Handgelenksmessung?

Diese ist in den letzten zwei, drei Jahren viel besser geworden. Für die genaue Messung, für ambitionierte Sportler, ist der Brustgurt vorzuziehen. Beim Handgelenk kann es Ungenauigkeiten geben, etwa wenn die Uhr nicht festsitzt, wenn man viel schwitzt oder bei hohen Intensitäten, Erschütterungen.

Wohin geht der Trend der Vermessung, der Selbstoptimierung?

Es gibt bereits Schlaffunktionen, neuerdings auch eine Menstruationszyklus-Messung. Die Hersteller versuchen jeden Lebensbereich messbar zu machen, um dem Selbstoptimierungstrend eine Grundlage zu bieten. Kritisch ist sicher die Frage nach Sinn und Unsinn erlaubt, allerdings eröffnen sich auch immer wieder neue spannende Themenbereiche. In Zukunft werden wir sicher noch mehr Messapparaturen mit uns herumtragen: den Chip, der den Blutzuckerspiegel überwacht oder den Sensor, der die Körpertemperatur misst. Wichtig ist, dass die Genauigkeit solcher automatischen Messungen momentan nur eine Orientierung sein kann, welche selten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

von Petra Koci,

publiziert am 12.11.2018


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