Überforderte Hobby-Sportler

Manche Amateursportler neigen dazu, sich zu übernehmen. Sie riskieren körperliche Schäden – von der Sehnenentzündung bis zum Nierenversagen.

Sie läuft nicht mehr, sie torkelt nur noch. In Schlangenlinien wankt die Marathonläuferin Gabriela Andersen-Schiess bei der Olympiade in Los Angeles dem Ziel entgegen. Sie ist offensichtlich kurz vor dem Kollaps.

«Eine Frage des Willens»

Es ist der erste olympische Frauenmarathon, Andersen-Schiess nimmt für die Schweiz teil. Ihr taumelnder Zieleinlauf im Jahr 1984 ist unvergesslich. Kaum im Ziel, bricht die 39-Jährige zusammen. 41,2 Grad beträgt ihre Körpertemperatur. Die Sportlerin überlebt. «Es war eine Frage des Willens», sagte sie später.

Verminderte Eigenwahrnehmung

Die Olympionikin hatte bei glühender Hitze den letzten Verpflegungsstand verpasst und war völlig ausgetrocknet weitergelaufen – ein Risikofaktor für eine Überforderung. «Wenn man dehydriert und überhitzt ist, leiden die geistigen Fähigkeiten. Auch die Eigenwahrnehmung ist dann eingeschränkt», sagt Daniel Birrer, Leiter Sportpsychologie an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen.

Sportmedizinischer Check empfohlen

Das Beispiel von Andersen-Schiess ist krass. Aber auch heute noch nehmen an jedem grösseren Lauf Sportler teil, die sich übernehmen – bis hin zum plötzlichen Herztod. Das deutsche Register der jähen Herztodesfälle bei Sportlern verzeichnet fast nur Amateure. Bei den über 35-jährig Verstorbenen waren «Verkalkungen» in den Herzarterien die häufigste Ursache. Sportmediziner raten daher allen Personen ab 35 Jahren, die nach einer Pause oder neu mit einem schweisstreibenden Sport beginnen, sich vorher einem sportärztlichen Check inklusive Belastungs-EKG zu unterziehen. Möchte man nur langsam joggen oder walken, ist das nicht nötig.

Tipps, um einer Überforderung im Sport vorzubeugen
  • Trainingsplan erstellen, aber flexibel genug sein, ihn – falls nötig – kurzfristig zu ändern
  • Vernünftige und realistische Ziele setzen, sich selbst nicht zu viel Druck machen
  • Vor dem Wettkampf gut vorbereiten
  • Nicht zu schnell ins Rennen gehen
  • Während eines Wettkampfs den Mut haben, die Vernunft einzuschalten und – wenn nötig – aufzuhören
  • Genügend trinken
  • Müdigkeit ernst nehmen

Trainieren, bis die Muskelfasern kaputt gehen

In der Fachliteratur sind zahlreiche Fälle sportlicher Überforderung beschrieben, selbst bei gut ausgebildeten und erfahrenen Sportlern wie jenem 37-jährigen Arzt, der in einem Fitness-Studio trainierte, bis sich die Muskelfasern auflösten. Dies kann zum Nierenversagen führen.

Erhöhte Verletzungsgefahr

Tennisspieler mit Nervenlähmungen, Sportkletterer mit deformierten Füssen, Handgelenksarthrosen beim Skater, Tennisellbogen, Springerknie oder Schwimmerschulter – die Liste der chronischen Überlastungsschäden ist lang. Häufig sind auch akute Entzündungen an den Sehnenansätzen. Zudem steigt die Verletzungsgefahr, wenns zu viel wird.

Muskelkater ist keine Überforderung

Fachleute unterscheiden das «Overreaching», von dem man sich nach einer Pause wieder erholt, vom «Overtraining», bei dem der Körper mit jedem weiteren Training in eine noch grössere Erschöpfung gerät. Ein Muskelkater dagegen ist noch kein Zeichen von Überforderung. Er zeigt nur an, dass genau diese Belastung ungewohnt war.

von Martina Frei


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