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Gesünder leben?

Süchtig nach Sport

Die Grenze zwischen Fitness und Sportsucht ist fliessend. Das eine ist gesund. Das andere macht Körper, Seele und Umfeld krank.

Sind Sie anfällig für Sportsucht?

Wer sich auch mal zwei, drei Tage ohne Sport faul zu Hause auf der Couch wohl fühlt, hat ein gesundes Verhältnis zu seinem Sport. Wen diese Pause aber zunehmend unruhig macht, sollte sein Sportverhalten genauer analysieren, am besten anhand eines Tagebuchs.

Sport ist gesund. Studien liefern immer wieder deutliche Hinweise, dass regelmässige Bewegung das Risiko für Erkrankungen wie Herzinfarkt, Hirnschlag und sogar Krebs senken kann. Allerdings entscheidet wie so oft auch hier die Dosis. Denn immer mehr Sportler übertreiben es. Sie sind sportsüchtig. «Studien schätzen, dass rund 5 von 100 Personen, die Ausdauersportarten wie Laufen oder Velo fahren betreiben, sportsuchtgefährdet sind», sagt der Sportpsychologe Philippe Müller aus Winterthur. Diese Personen leiden nicht nur psychisch unter ihrer Sucht, sondern schädigen auch ihren Körper.

Die Dunkelziffer ist hoch. Da Sportsüchtige sich nicht bewusst sind, ein Problem zu haben, sieht man sie auch nicht in der Arztpraxis. «Während die meisten Sportler ein sportliches Ziel haben oder einfach fit sein wollen, dient Sportsüchtigen der Sport lediglich zur Suchtbefriedigung», sagt Müller. (lesen Sie unten weiter...) 

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Wackliges Selbstbild

Die Ursachen sind noch nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird, dass es weniger das suchttypische Ausschütten von Glückshormonen ist, für die sich Sportsüchtige abrackern. «Forscher gehen derzeit vielmehr davon aus, dass psychische und soziale Komponenten eine wesentliche Rolle spielen», erklärt Müller. Personen mit einem schwachen Selbstwertgefühl verschafft Sport gesellschaftliche Anerkennung, sportlich sein gilt als cool und zeitgemäss. Andere haben eine falsche Selbstwahrnehmung, finden sich zu dick, zu unsportlich und wollen das mit extremem Sport kompensieren. «Sportsucht tritt daher nicht selten in Zusammenhang mit Essstörungen auf», berichtet Müller.

Während Sportler jedoch ihrem Körper Regenerationszeit gönnen, übergehen Sportsüchtige Schmerzen, Krankheit und Erschöpfung. «Sportsüchtige lassen sich von Verletzungen nicht beirren und trainieren weiter, der Körper hat keine Erholung.» Das Resultat sind chronische und teils irreparable Beschwerden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern oder am Herzen, wenn trotz Grippe weiter trainiert wird. Vor allem Läufer, Velofahrer und Bodybuilder scheinen davon betroffen zu sein.

«Hinzu kommen Schlafstörungen, muskuläre Erschöpfungen, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit», sagt Müller. Neben dem Körper leidet auch die Psyche. Schon das Aussetzen eines einzelnen Trainings setzt die Betroffenen sofort auf Entzug, sie werden nervös, unruhig, sie können nicht schlafen, werden depressiv, gereizt. «Durch das häufige Sporttreiben werden zudem Freunde und Familie vernachlässigt oder Streitigkeiten mit dem Partner nehmen zu.»

Vielfältige Symptome

«Das Erkennen von Sportsüchtigen ist für das soziale Umfeld indes schwierig, da die Symptome sehr vielfältig sind und der Prozess zur Sportsucht eher schleichend verläuft», sagt Müller. Ständige Verletzungen, immer nur den Sport alleine und nicht mit anderen machen, sozialer Rückzug und als einziges Thema im Gespräch nur noch Sport sind jedoch Anzeichen.

Hilfsangebote sind dann wichtig. «Dann ist es als erstes für die betroffene Person wichtig zu wissen, dass sie damit nicht alleine dasteht, dass man dagegen etwas unternehmen kann und es dafür professionelle Hilfe gibt», sagt Müller. Ein zentraler Punkt ist dabei eine etappenweise Reduktion des Sporttreibens, der Wiederaufbau sozialer Bindungen und sinnvolles Nutzen sportfreier Zeit. Das soziale Umfeld ist hier ein wichtiger Partner für Betroffene.

von Andreas Grote


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