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Gesünder leben?

Wie sich die Höhenangst besiegen lässt

Trotz Höhenangst auf Berge, in Gondeln und auf Türme? Na klar! Barbara Hunziker hilft selbst hoffnungslosen Fällen dabei, die Höhenangst zu überwinden. Ein Selbstversuch.

Mann und Frau schauen von Turm
Mann und Frau schauen von Turm

Flavian Cajacob erklimmt den zehnstöckigen Loorenkopf-Turm mit Coach Barbara Hunziker. © Fotos: Kuster Frey

Ich habe Höhenangst. Jedwelche Tätigkeit, die den Himmel näher und den Boden ferner rücken lässt, führt bei mir zu wackligen Knien, Muffensausen, abruptem Stimmungsumschwung. Barbara Hunziker nennt diesen Zustand «die Angst vor der Angst». Denn eigentlich ist es nicht die reale Situation, die höhenangstgeplagten Menschen Furcht einflösst, sondern die Vorstellung, was einem nach dem nächsten Schritt alles widerfahren könnte: Fehltritt, Sturz, Exitus. «Angst ist ein unverzichtbares Warnsystem. Wer unter Höhenangst leidet, bei dem ist dieses Warnsystem jedoch aus dem Gleichgewicht geraten», sagt Barbara Hunziker. Sie ist Körpertherapeutin und Coach, gemeinsam wollen wir auf dem 30 Meter hohen Loorenkopf-Turm vor den Toren Zürichs meine Höhenangst besiegen. Wobei «besiegen» das falsche Wort sei, meint die Luzernerin: «Angst kann man nicht besiegen. Man kann aber lernen, einen gesunden Umgang damit zu finden und das Warnsystem wieder ins Lot zu bringen.»

Die erste Stufe ist genommen. Mit jedem weiteren Schritt schleicht sich mehr und mehr das Gefühl ein, etwas zu tun, was man eigentlich gar nicht will. Ich möchte umkehren. Doch Barbara Hunziker lässt mich nicht. «Konzentrier dich auf das, was du gerade tust. Du läufst eine Treppe hoch. Und davor brauchst du jetzt wirklich keine Angst zu haben.» Ein vorzeitiges Heruntersteigen vom Turm hingegen, das bringe überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil. «Wer die Konfrontation mit seiner Höhenangst scheut, eignet sich ein Vermeidungsverhalten an. Und das wirkt sich negativ auf die Lebensqualität aus.»

Unterschiedliche Ursachen

Was die Ursachen von Höhenangst oder fachlich korrekt von Akrophobie sind, darüber gibt es unterschiedliche Theorien. Häufig ist ein unverarbeitetes Ereignis der Ursprung, mit Höhe oder Stürzen muss dieses aber überhaupt nichts zu tun haben. Phobien sind letztendlich überzogene Ängste, die – nüchtern betrachtet – meist jedwelcher Grundlage entbehren. Barbara Hunziker zieht einen Vergleich: «Man ist überzeugt, dass hinter dem nächsten Baum ein gefrässiger Tiger lauert, obwohl man ganz genau weiss, dass Tiger in unseren Breitengraden nicht vorkommen.» 

Zwischen dem vierten und siebten Stockwerk des zehnstöckigen Holzturmes werden meine Beine schwer, der Puls steigt an. Barbara Hunziker siedelt meinen Gefühlszustand auf der bis 10 reichenden Angstskala bei 4 oder 5 an. Ich fühle mich zwar nicht optimal, funktioniere aber immer noch. «Beinmus-keln anspannen, wieder locker lassen, Trittsicherheit zurückerlangen und den Blick über die Wipfel schweifen lassen.» Gesagt, getan. Unweigerlich zieht es mich in Gedanken hinunter, ins tödliche Dickicht. «Konzentrier dich auf einen fixen Punkt da draussen, greif nach dem Geländer, atme tief ein und aus, es kann dir nichts passieren», hält mich Barbara Hunziker an, Ruhe zu bewahren, während ich am liebsten davonrennen würde. Und jetzt die Herkulesaufgabe: «Schau nach unten!» Widerwillig beuge ich mich vor. Da: ein Flicken im Balken! Und dort: ein Blitzableiter! Für mich ein untrügerisches Zeichen dafür, dass gleich der Blitz in einen maroden Turm einschlagen wird.

So gehen Sie mit der Höhe richtig um

Immer das Schlimmste vor Augen

Mann und Frau bei Aussicht von Turm
Mann und Frau bei Aussicht von Turm

Geschafft! Angekommen in 30 Meter Höhe hat Flavian Cajacob dank Coach Barbara Hunziker seine Angst überwunden. © Fotos: Kuster Frey

Barbara Hunziker kennt diesen Gedankengang nur zu gut von ihren Klienten. «Wenn wir Angst haben, fällt unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, die wir automatisch negativ werten. Dabei legen ein Flicken und ein Blitzableiter doch Zeugnis darüber ab, dass dieser Turm gut gewartet und sehr sicher ist.» Wir sind nur noch wenige Schritte von der obersten Plattform entfernt. Normalerweise würde ich – wenn überhaupt – so rasch wie möglich da rauf, um dann möglichst rasch wieder runter zu können. «Total falsch, dieses Verhalten», meint mein Mental-Coach. Gerade in den Bergen könne sich die Taktik, das angsteinflössende Hindernis schnellstmöglich zu überwinden, als fatal erweisen; «da droht dann wirklich die Gefahr, hinzufallen oder abzustürzen.» Besser sei es, innezuhalten, tief zu atmen und den Boden unter den Füssen zu spüren.

Die Spitze des 30 Meter hohen Turmes ist erreicht. Barbara Hunziker und ich nähern uns dem Geländer. Auf der Angstskala bin ich jetzt wohl bei einer 7 oder einer 8 angelangt. Ich fühle mich unwohl, kann mich nicht konzentrieren und will abbrechen. Barbara Hunziker fordert mich auf, sie anzuschauen. «Siehst du mich?», fragt sie und weiss genau, dass ich das nicht tue. Denn mein Blick geht durch sie hindurch. Freund Hirn signalisiert, dass der Turm wankt. Oder ich. Oder beide zusammen. «Gib mir deine Hand und drück zu, ganz fest». Sie verspricht mir, dass die Angst vor der Höhe mit der Zeit an Intensität verlieren wird.

Der Angst Raum geben

Eine gute halbe Stunde geht das so. Und tatsächlich: Die Anspannung lässt nach einer Weile nach. Ich mache mir bewusst, dass vor mir schon tausend andere Menschen hier gestanden und wohl auch überlebt haben. Nichts wankt. Der Tiger ist zwar noch da, aber er ist nicht mehr gefrässig. «Wer lernt, mit seiner Höhenangst richtig umzugehen, der erobert sich etwas zurück, meist ein Stück Lebensqualität», bemerkt Barbara Hunziker und freut sich über meinen Erfolg. Bevor es wieder 152 Treppen runtergeht, hat sie noch einen Tipp: «Mach es gleich noch einmal, steig in den nächsten zwei Wochen wieder auf den Turm und schick mir ein Foto davon.»

Zehn Tage später erhält sie von mir ein Selfie. Ich, zuoberst auf dem Loorenkopf-Turm, die Arme locker auf dem Geländer, die Nase im Wind, entspannt, mit grandioser Aussicht.

5 Tipps gegen akute Höhenangst

Kurse für höhenangstgeplagte Wanderfreunde

Zusammen mit dem Wanderleiter Martin Heini bietet die Therapeutin Barbara Hunziker regelmässig Kurswochenende für Wanderfreunde mit Höhenschwindel und Höhenangst an. Der Kurs ist praktisch und erfahrungsorientiert aufgebaut. 

  1. Kündigt sich die Höhenangst an, die Angstwelle nicht bekämpfen wollen, sondern zulassen und im ganzen Körper fliessen lassen. Je freier das Gefühl fliessen kann, desto weniger unangenehm ist es.
  2. Auf feststehende Gegenstände blicken; während des Gehens Blick zum Hang oder auf vorangehende Person richten – dorthin, wo man hingehen will.
  3. Bewusst ganz ausatmen, zum Runterfahren hilft es, Muskeln anzuspannen und wieder zu lockern.
  4. Unterhaltung mit der Begleitung oder Körperkontakt (Hand halten) wirken entkrampfend.
  5. Wenn nichts mehr geht: Hinsetzen oder breitbeinig hinstellen und den Boden unter den Füssen spüren. Nicht in Panik zurückhasten, sondern warten, bis man sich so weit beruhigt hat, dass man wieder klar denken kann. Erst dann die Rückkehr antreten.

von Flavian Cajacob,

publiziert am 29.08.2019


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