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Gesünder leben?

Runter mit den Kopfhörern

Wind, Wasserplätschern und Vogelstimmen tun Körper und Seele nachweislich gut. Wer ständig Musik hört, bringt sich um diese kostbare Quelle der Entspannung und Regeneration.

Zugegeben: An das Hörvermögen einer Katze reichen wir nicht heran. Doch auch unsere Ohren sind erstaunlich sensibel. Beispielsweise können wir das Ticken einer Armbanduhr noch auf drei Meter Entfernung hören und rund 400 000 Töne unterscheiden, nebst der Richtung, aus der sie kommen. Nur leider ist die Feinheit unseres Gehörsinns kaum noch gefragt: Grossraumbüros, der allgegenwärtige Autolärm, dröhnende Baustellen – wirklich still ist es um uns herum eigentlich nie. Selbst auf dem Land brummt meist irgendwo eine Maschine. Und als wäre all das nicht schon genug, muten viele ihren Ohren noch zusätzlich Beschallung zu und hören ständig über Kopfhörer Musik.

Wir werden taub für den Klang der Natur

«Angesichts der steigenden Lärmpegel ist es nicht überraschend, dass Menschen versuchen, sich eine angenehmere akustische Umgebung zu schaffen», sagt der amerikanische Bioakustiker Kurt Fristrup. «Für das Hörvermögen hat das aber den gleichen Effekt wie dicker Nebel für die Sicht: Man nimmt nur noch einen kleinen Teil von dem wahr, was einen umgibt. Eine ganze Generation wird taub für den Klang der Natur.»

Ein Verlust. Denn gerade Naturgeräusche wirken sich nachweislich positiv auf Körper und Seele aus: Sie entspannen, steigern Konzentration und Aufnahmefähigkeit und können sogar Schmerzen lindern. In einer Studie der Universität von Nord Florida etwa bekamen Teilnehmer 15 Minuten lang entweder Mozart, Meeresrauschen oder Stille zu hören. In der Gruppe, die dem Ozean gelauscht hatte, stellten die Forscher signifikante Veränderungen des Stresslevels fest: Die Muskelspannung der Probanden war geringer, ihr Herzschlag ruhiger, und auch sie selbst gaben an, sich erholt und weniger gestresst zu fühlen. (lesen Sie unten weiter...)

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Erholungspause mit Vogelstimmen

Bei einer anderen amerikanischen Studie bat man die Teilnehmer in einer simulierten Bürosituation, unter verschiedenen Bedingungen eine knifflige Aufgabe lösen: einmal in völliger Stille; einmal mit den üblichen Bürogeräuschen; einmal mit sogenanntem Weissen Rauschen, das Störgeräusche akustisch maskiert; einmal zum Klang von fliessendem Wasser. Die Teilnehmer schnitten unter allen Bedingungen ungefähr gleich gut ab. Nur bei völliger Stille taten sich einige schwer. Fast alle aber gaben hinterher zu Protokoll, dass es ihnen während des Wassersounds am leichtesten gefallen sei, sich zu konzentrieren.

In einem anschliessenden Kontrollexperiment erhöhte sich die Leistung der Probanden massiv, wenn sie zuvor in einer kurzen Pause Vogelstimmen gelauscht hatten. Offenbar, so die Folgerung der Wissenschaftler, muss man Naturgeräuschen aufmerksam lauschen, um in den vollen Genuss ihrer positiven Effekte zu kommen. Ein Grund mehr also, die Kopfhörer abzulegen und stattdessen, und sei es inmitten des Grossstadtgetöses, die Ohren zu spitzen und bewusst das Rauschen der Blätter zu hören, den Wind, den Regen, das Lied einer Amsel. Geist und Körper werden es Ihnen danken.

von Ruth Hoffmann,

publiziert am 03.11.2017


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