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Gesünder leben?

Energie tanken auf dem Heimweg

Unsere Autorin Géraldine Merz liebt eigentlich die Abwechslung – bis sie ganz unerwartet die Schönheit ihres täglichen Arbeitsweges entdeckt.

Begriffe wie «Alltagstrott» und «Kontinuität» lösten lange Zeit Panik in mir aus. Meine Lebensweise gestaltete sich entsprechend nomadisch: Zu Spitzenzeiten brachte ich es auf bis zu fünf Hausschlüssel an meinem Bund, die jeweils zu fünf verschiedenen Wohnungen in Zürich, Genf (2x), Bern und meinem Heimatdorf gehörten. Die Folge: ständiges Kofferpacken und Pendeln. Aber dafür fühlte ich mich immer in Bewegung. Tempi passati.

Ein unbefristeter Job hat mich vor über zwei Jahren sesshaft gemacht – in einer Stadt, die mir einst zu klein, zu eng, zu spiessig zum Leben erschien. Dass ich noch da bin, hat auch mit meinem Nachhauseweg zu tun, der mich verzückt.

Sinnliche Erfahrung

Wenn Ameisen in meinen Beinen kreisen vom langen Sitzen im Büro und der Kopf raucht, dann gönne ich mir eine kleine Auszeit. Sie fängt an, wenn die Tür hinter mir ins Schloss fällt und ich die Kopfhörer aufsetze. Die Töne erinnern mich daran, dass wir Menschen und nicht Technokraten sind. Menschen, die tief einatmen, spüren, sich bewegen können. Ich laufe die Strasse hinunter, an den kleinen Häuschen vorbei; einige scheinen der Zeit entrückt zu sein, andere erinnern mich mit ihrem Gärtchen und dem alten «Gigigampfi» an Grosis Garten. (Lesen Sie unten weiter ...)

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Und plötzlich wird es grün

Bald leuchtet mir sattes Grün entgegen – Wiese, Bäume und Fluss. Die Kopfhörer kommen weg, jetzt sind die Vögel dran. Und das Flussrauschen. Weiter vorne am Fluss setze ich mich auf den immer selben Baumstamm, der über dem Wasser liegt und so breit ist, dass man sich bequem auch darauflegen kann. Um dem Wasser unter einem zu lauschen. Um sich das Gesicht von der Sonne wärmen zu lassen.

Bevor es weitergeht zum nächsten Highlight: Hoch auf den Weiler. Mit Sicht auf den Hausberg, die grünen Felder und das Moor, mit einem grossen Platz unter den Linden, die im Wind rauschen und die letzten Gedanken an die Arbeit davontragen.

Goldene Elefanten und Alpenpanorama

Auch wenn es in der nächsten Etappe wieder etwas städtischer zugeht, so begegne ich doch einem goldenen Elefanten und verwunschenen Gärten. Und kurz bevor ich zu Hause ankomme, habe ich das Privileg, über die Brücke zu gehen, von der aus in der Stadt bestimmt die allermeisten Selfies von Touristen aus aller Welt gemacht werden – mit dem grossen Alpenpanorama im Hintergrund.

Ja, ich habe den schönsten Heimweg der Welt. Und nun ist aus dem Essay über meinen Kraftort ganz unerwartet eine Liebeserklärung an die Stadt geworden, die ich am Anfang als zu eng und zu spiessig empfand. Aber immerhin – es handelt sich um einen Weg, ganz eingerostet bin ich also noch nicht.

von Géraldine Merz


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