Tasten verleihen Flügel

Klavier spielen bedeutet üben und ist anstrengend. Davon kann unser Autor Robert Bossart ein Lied singen. Aber der Aufwand lohnt sich – für die seltenen Momente, in denen nicht er, sondern die Musik spielt.

Ich geh dann mal ans Klavier. Dieser Gedanke löst bei mir jedes Mal gemischte Gefühle aus. Erstens muss ich meinen Hintern heben und die zwei Etagen bis in den Dachstock erklimmen. An freien Tagen, an denen ich Zeit für Musik habe, bleibe ich gerne etwas länger im Bett und trinke einen Kaffee mehr als üblich. Dann stellen ein paar Stufen bereits eine echte Hürde dar.

Und zweitens diese Ungewissheit: Wie wird es heute? Was passiert mit mir und dem Klavier? Manche werden jetzt vielleicht lachen. Weil sie finden, Noten sind Noten und die gilt es zu spielen. Basta. Bei mir ist es anders. Ich bin ein «Klimperi», improvisiere, spiele ohne Noten. So war es schon immer. Das kommt meiner Träumerseele und meiner Art, mich nicht festlegen zu wollen, entgegen.

Kreativ in der Unordnung

Irgendwann merkte ich, dass Musik auch Arbeit bedeutet. Wenn man tiefer in sie eintauchen möchte. Genau das wollte ich. Ich begann zu üben. Diszipliniert. Regelmässig. Schliesslich folgte die Ausbildung zum Jazzmusiker.

Nun sitze ich da, wie so oft, und beginne zu spielen. Wunderbar die Atmosphäre im ausgebauten Dachstock unseres Holzhauses. Die Unordnung, das schummrige Licht – der richtige Nährboden für kreatives Schaffen.

Manege frei für die Musik

Etwas Fingerakrobatik, ein paar Inventionen von Bach, harmonische Umspielungen, rhythmische Übungen. Alles nach Plan. Bis zu dem Moment, wo der Pflichtteil erledigt ist. Manege frei für die Musik. Was jetzt? Ein d-Moll-Akkord, äolische Tonleiter dazu – wie ging nochmal die Idee von gestern? Ich spiele einen langsamen Rhythmus, irgendein ungerades Metrum.

Es ist verflixt

Ehrlich gesagt, passiert meistens nicht viel. Ich spule bekannte Akkordabfolgen ab, wiederhole tausendmal Erprobtes. Es ist manchmal verflixt.

Und doch gibt es sie, diese seltenen Momente, in denen alles anders ist. Wo die Musik einfach da ist, nie Gespieltes aus meinen Fingern entspringt. Augenblicke, in denen ich fassungslos dasitze und zuhöre. Grosse Musiker sagen, dass nicht sie die Musik machen, sondern die Musik zu ihnen kommt. Ich bin kein grosser Musiker. Aber grossartige Momente habe auch ich. Da oben im Dachstock.

von Robert Bossart


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