Den Himmel ins Büro holen

Wer bei Kunstlicht arbeiten muss, ist unzufriedener und kränklicher. Darum sollen vermehrt natürliche Lichtverhältnisse simuliert werden.

An milden und sonnigen Frühlingstagen möchte man am liebsten den ganzen Nachmittag draussen sein. Aber wer kann das schon? Viele Angestellte verbringen die Arbeitstage in geschlossenen Räumen. Mehr noch: Oft sehen sie stundenlang kein Tageslicht, beispielsweise in den Shop-Villes von Bahnhöfen oder Flughäfen.

Kunstlicht am Arbeitsplatz erfüllt heute in erster Linie einen Zweck: Ausreichend sehen können, und dafür gibt es entsprechende Normen. «Richtlinien für die nicht-visuellen Wirkungen fehlen bislang», sagt der Basler Chronobiologe Christian Cajochen. Wie viel und welches Licht ein Raum braucht, um Gesundheit und Wohlbefinden zu steigern, beschäftigt Wissenschaftler wie Architekten jedoch intensiv.

Wie Farben auf uns wirken

Zumal bekannt ist: Nicht nur die Intensität des Lichts ist wichtig, sondern auch seine Farbzusammensetzung. Tierstudien haben gezeigt, dass grüne Anteile direkt in Hirnareale gelangen, die für den Schlaf verantwortlich sind. Blau-weisse Anteile hingegen heitern auf, verbessern Konzentration und Leistungsfähigkeit. Vor allem bei Blaulicht werden offenbar spezielle Lichtrezeptoren in der Netzhaut aktiv.

Eine wichtige Rolle spielt aber auch das natürliche Tageslicht. Ist viel davon im Büro und kann man den Blick durchs Fenster in die Natur richten, geht es einem besser. Mitarbeiter, die das nicht haben und können, sind hingegen unzufriedener und kränklicher. Das haben Untersuchungen gezeigt.

Natürliche Verhältnisse simulieren

Eine mögliche Lösung: natürliche Verhältnisse in geschlossenen Räumen simulieren. «Die Idee ist, den Himmel ins Büro zu holen», sagt Christian Cajochen. LED-Decken mit vorbeiziehenden Wolken sollen Angestellten das Gefühl vermitteln, im Freien zu arbeiten. Laut Umfragen kommt das Szenario vor allem bei jenen gut an, die kreative Arbeiten am Computer erledigen.

Nicht nur Angestellte, auch Patienten profitieren von einer besseren Atmosphäre. Prekär ist die Lage auf Intensivstationen. Wenig Licht am Tag und grelle Beleuchtung in der Nacht verursachen – neben Lärm und den ganzen Apparaturen – Angst und Stress.

Grünes Blätterdach im Spital

Die Berliner Charité baute deshalb für ein mehrjähriges Forschungsprojekt zwei Spitalzimmer um. Neue Deckenleuchten zaubern beispielsweise ein grünes Blätterdach, durch das Sonnenlicht fällt, oder einen Nachthimmel mit Sternschnuppen. Die Szenarien können den Bedürfnissen der Patienten angepasst werden.

Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. Indem sich Lichtintensität und -frequenz steuern lassen, finden Patienten besser in ihren natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Das steigert laut Projekt-Initiatorin Claudia Spies das Wohlbefinden und reduziert das Risiko von Delirien.

Diese Funktionsstörungen des Gehirns sind bei Intensivpatienten eine grosse Gefahr. Die Chancen, vollständig zu genesen, stehen dann gut, wenn die Patienten rasch bei Bewusstsein sind. Das richtige Licht ist dafür ein massgeblicher Faktor.

Zur Person Der Verhaltensbiologe Christian Cajochen ist Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel. Chronobiologie ist die Wissenschaft der biologischen Rhythmen. In den Forschungsarbeiten von Cajochens Team geht es unter anderem darum, wie Licht die innere Uhr des Menschen und die Schlaf-Wach-Rhythmik beeinflusst.

von Vera Sohmer


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