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Gesünder leben?

Schlafen statt schaffen

Unser Kolumnist versucht sich in der hohen Kunst des Power Nappings. Schlaf findet er im Ruheraum seines Arbeitgebers keinen. Dafür Geld.

Von einem Freund erfuhr ich kürzlich beim Mittagessen von einer ungewöhnlichen Entspannungsmethode: Er schleicht sich, wenn der Stress des Büroalltags zu gross wird, in die Tiefgarage und legt sich in die Kajüte seines Wohnmobils, das er vorsorglich auf seinem Parkplatz abgestellt hat, obwohl er mit dem Bus ins Büro fährt. Mit den Schuhen, in Anzug und Krawatte, legt er sich hin, döst zehn Minuten weg, um danach mit wachem Geist und neuem Elan in die oberen Geschosse zurückzukehren. Sein Arbeitgeber biete zwar auch einen Entspannungsraum an, aber den benutze er ungern, meinte mein Freund. Dort fühle sich die Pause an wie ein Geschäftstermin.

Nun besitze ich leider weder einen eigenen Parkplatz noch ein Wohnmobil, aber die Idee des «Power Naps» zwecks Entspannung und Regeneration kreativer Kräfte hat es mir angetan. Eine kurze Internet-Recherche zeigt, dass sich die Wissenschaft einigermassen einig ist, was den Zeitpunkt und die Länge der Siesta betrifft. Optimal soll die Zeit zwischen 13 und 16 Uhr sein, ideal ist eine Dauer von 10 bis 30 Minuten. Wer länger schläft, läuft Gefahr, sich nach der kurzen Auszeit noch ausgelaugter und zerknitterter zu fühlen als vorher.

Vorurteile zuhauf

Nun gut, ab in die Horizontale! Bleibt die Frage, wo ich mich hinlegen kann. Es bleibt wohl keine andere Option als der Ruheraum meines Arbeitgebers. Ich stelle fest, dass dieser Ort in meiner Vorstellung mit allerlei Vorurteilen behaftet ist. Bestimmt ist es da muffig und eng, wahrscheinlich wird man schon nach wenigen Minuten gestört, muss den Platz wechseln, weil man irgendwas nicht ausgefüllt oder reserviert hat. Nur eines lässt sich da mit Sicherheit nicht: entspannen.

Zum Glück bin ich als Entspannungskolumnist in offizieller Sache unterwegs, weshalb ich meine diffusen Abneigungen überwinde und mir per Outlook-Termin einen Platz auf der blauen Liege reserviere. Zu meinem Erstaunen sind gleich alle vier Liegen frei, als ich den kleinen, halbdunklen Raum betrete. Am Eingang markiere ich meine Liege als besetzt, dann ziehe ich den Vorhang hinter mir zu. Die Einrichtung ist karg, aber praktisch. Eine ergonomische Kunststoffliege, zwei Kissen, ein Korktischchen. Sauber, soweit ich das im fahlen Licht, das durch ein schmales Fenster unterhalb der Decke fällt, erkennen kann.

Geld statt Schlaf

Bewertung

Entspannungsfaktor: 4
Aufwand-/Ertrag: 2
Suchtpotenzial: 2

Skala von 1 bis 5

Ein praktisches Problem stellt sich mir dann doch: Wie soll ich nach 15 Minuten Schlaf wieder aufwachen, ohne meine Kolleginnen und Kollegen in den anderen Kojen aufzuwecken, auch wenn diese in vorliegendem Fall nur hypothetischer Natur sind? Über diese Frage gerate ich ins Grübeln, was mich die ersten fünf Minuten Ruhezeit kostet. Ein weiteres Problem ist die geringe Breite der ansonsten ziemlich bequemen Liege: wohin mit den Armen? Ich klemme sie unter den Hintern, in den Gurt, die Hosentaschen, aber alles fühlt sich wenig entspannt an. Schliesslich lasse ich sie auf den Teppichboden herunterbaumeln, wobei mich die Gedanken an dessen mikrobiologische Besiedelung weitere fünf Minuten kosten.

Der langen Schilderung kurzer Schluss: Ich schlafe nicht ein. Trotzdem ist es sehr entspannend, in dem abgedunkelten Raum zu liegen und der leise brummenden Lüftung zu lauschen. Es ist kühl und ruhig. Beim Aufstehen entdecke ich am Boden ein Frankenstück, welches meinem Vorschläfer aus der Tasche gefallen sein muss. Ich verstehe den Wink des Schicksals sofort, und stecke das Geld nickend ein. Mal rausfinden, was so ein Wohnmobil kostet.


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