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Gesünder leben?

Von der Kunst, sich auf sich selber zu besinnen

Einfache Übungen, die eine grosse Wirkung in unserem Körper und Geist entfalten: Warum das Konzept der Achtsamkeit mehr als nur ein zeitgeistiges Thema ist.

Unser Gehirn ist evolutionsbiologisch nicht auf die gegenwärtige Reizüberflutung eingestellt. Es kennt zwei Wege, um Reize zu verarbeiten. Bei vermeintlicher Gefahr wird sofort die Amygdala, unser Angstzentrum, eingeschaltet, die Stresshormone Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet – schliesslich könnte es um Leben und Tod gehen. Erst wenn der präfrontale Kortex, der Bereich der Vernunft, eingeschaltet wird, können wir uns wieder entspannen (siehe auch Artikel «Meditation»).

Zuerst wahrnehmen, dann reagieren

Indem wir Achtsamkeit üben, üben wir uns nicht nur darin, unsere Umwelt urteilsfrei wahrzunehmen, sondern auch darin, unsere eigenen Lautstärkeregler zu bedienen: Wir können lernen, welchem Reiz wir wie viel Aufmerksamkeit schenken. Konzentrieren wir uns z.B. einzig und allein darauf, wahrzunehmen, wie unser Atem durch unsere Nase kühl einfliesst und etwas erwärmt wieder ausfliesst, stärken wir die Verbindung zwischen Amygdala und präfrontalem Kortex. Und weiten so den vom Psychologen Viktor Frankl beschriebenen Raum zwischen Reiz und Reaktion aus: «Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.»

Die Revolution

Die Erfolgsgeschichte begann 1979, als der Mikrobiologe Jon Kabat Zinn ein selbst entwickeltes Programm an Personen mit chronischen Schmerzen, die nicht auf Medikamente ansprachen, getestet hat. Das Programm «Mindulness Based Stress Reduction» (MBSR) ist klar strukturiert und vom buddhistischen Hintergrund losgelöst. Die Idee, dass sich der Patient nicht länger nur passiv vom Arzt helfen lässt, sondern parallel dazu auch selber etwas für seine Heilung tut, war revolutionär. Und sie bewirkt Selbstbeherrschung, mehr Ruhe, ein angenehmeres Leben für Menschen mit chronischen Schmerzen sowie einen besseren Schlaf. Der positive Effekt von MBSR wurde in den letzten zehn Jahren für fast jegliches Gebrechen nachgewiesen.

MBSR – eine Lösung für alle(s)?

Auch Firmenchefs propagieren das Konzept der Achtsamkeit mittlerweile gern: Sie münzen das Instrument um, welches ursprünglich zur Verbesserung des eigenen Wohlbefindens gedacht war, und entlehnen ihm die Idee einer gewissen Selbstverantwortung. Wird das Konzept allerdings zu sehr aus dem Kontext gerissen und zur Untermauerung von liberalen Werten wie eben dieser Selbstverantwortung genutzt, laufen wir Gefahr, dass es in der Arbeitswelt heisst: «Wenn du diese Deadline nicht einhalten kannst, warst du zu wenig fokussiert. Du musst dich mehr in Achtsamkeit üben.» Oder im Gesundheitsbereich: «Wenn du dich nicht besser fühlst, hast du deine Hausaufgaben nicht genügend gemacht. Übe dich mehr in Achtsamkeit und es wird dir besser gehen.»

Deshalb: Wenn Sie sich in Achtsamkeit üben, tun Sie es für sich selbst – um Ihre Freiheit zu stärken. Und nicht, um in einer erfolgssüchtigen Welt noch bessere Resultate zu erzielen.

von Géraldine Merz,

publiziert am 12.12.2017


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