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Gesünder leben?

Durchschlafen – muss das sein?

Ein guter Schlaf ist sehr wichtig für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden: Tritt der optimale Erholungseffekt aber nur ein, wenn wir durchschlafen können? Eine Schlafexpertin gibt Auskunft.

Nach dem Einschlafen bis am Morgen durchschlafen können: Das ist der Traum vieler. Sie glauben, sich (nur) dann optimal zu erholen. Dämpft ein mehrmaliges Aufwachen in der Nacht den Erholungseffekt? Schlafforscherin Dr. Katharina Stingelin von der KSM-Klinik für Schlafmedizin in Zurzach differenziert: «Ausschlaggebend ist, wie schnell man nach dem Aufwachen wieder einschlafen kann.»

Aufwachen ist nicht per se schlimm

Verstreiche nicht mehr als eine Zeitspanne von 5 bis 15 Minuten, dann sei das völlig unbedenklich. Bei einem Schlaf von viermal zwei Stunden mit kurzen Aufwachphasen könne man sich genauso gut regenerieren wie nach einem achtstündigen Durchschlafen. Aus der Forschung sei übrigens bekannt, dass man bis zu zehn Mal pro Stunde ein Arousal (Aufwachreaktion vom Gehirn von mindestens drei Sekunden) haben könne, ohne dass die Schlafqualität dadurch beeinträchtigt werde.

Keine Sorgen brauche sich auch jemand zu machen, der ein- bis zweimal pro Nacht die Toilette aufsuchen müsse, was gerade bei älteren Menschen oft der Fall ist. Komme das aber regelmässig häufiger vor, empfiehlt Somnologin Stingelin eine medizinische Abklärung, weil eventuell eine Erkrankung dahinterstecken könnte.

Reversibler Vorgang

Tipps für einen erholsamen Schlaf

Jede(r) muss für sich selber herausfinden, wie er oder sie einen guten Schlaf findet. Hier ein paar allgemeingültige Tipps.

  • Das Schlafzimmer soll nur der Ruhe und Entspannung dienen. Schreiben, Telefonieren oder Fernsehen haben dort nichts zu suchen.
  • Schicken Sie Ihren Körper allein beim Gedanken an Ihr Bett sofort ins Reich der Träume. So wie Ihr Mund gelernt hat, beim Gedanken an Ihr Lieblingsessen automatisch mit Speichel zu reagieren.
  • Das Bett ist nicht der Ort, um Probleme zu lösen. Der Abend vor dem Schlafengehen nicht der richtige Zeitpunkt, um zu grübeln.
  • Gestalten Sie Ihr Schlafzimmer so, dass Sie es mit Ruhe und Geborgenheit verknüpfen.
  • Sex kann eine ausgezeichnete Einschlafhilfe sein.
  • Gehen Sie nie zu früh zu Bett, sondern erst, wenn Sie müde sind. Haben Sie Vertrauen in Ihren Körper.
  • Stehen Sie wieder auf, wenn Sie nach einer halben Stunde noch nicht einschlafen können. Das bedeutet aber nicht, dass Sie alle fünf Minuten zur Kontrolle auf den Wecker schauen sollen. Unternehmen Sie nach dem Aufstehen nichts, was Körper und Geist wieder aktiviert.
  • Verzichten Sie wenn möglich darauf, während des Tages zu schlafen
  • Versuchen Sie in der Phantasie, sich vor dem Einschlafen etwas Schönes vorzustellen.

Dass der «Druck», in der Nacht unbedingt durchschlafen zu müssen, um am nächsten Tag wieder voll arbeitsfähig zu sein, etwas mit unserer Leistungsgesellschaft zu tun haben könnte, schliesst Stingelin nicht aus. In früheren Zeiten, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren, war an einen durchgehenden Schlaf überhaupt nicht zu denken. Das wäre viel zu gefährlich gewesen. «Der Schlaf ist ein reversibler Vorgang. Es war wichtig, dass man schnell aus dem Schlaf wieder wach wurde, wenn sich ein Feind näherte.

Solche Probleme kennen wir heute weniger. Im Zuge der Industrialisierung ist aber das künstliche Licht erfunden worden. Es ermöglicht, dass die Nacht wieder zum Tag wird und unseren Tag-Nacht-Rhythmus oft durcheinanderbringt. Und weil die Mittagszeiten in der Arbeitswelt knapp gehalten werden, ist auch immer weniger an ein erholsames Mittagsschläfchen zu denken. Effizientes Durchschlafen in der Nacht scheint deshalb ein Gebot der Stunde zu sein. Für eine optimale Erholung ist das aber wie erwähnt keine Bedingung.

Spezialfall Baby

Es gibt Babys, deren Eltern sich glücklich schätzen, weil ihr Kind in der Nacht durchschlafen kann. Andere werden ständig von ihrem Kind aufgeweckt. Manchmal, aber nicht immer, gebe es dafür eine Erklärung, sagt Katharina Stingelin. «Wenn ein Baby eine Erkrankung hat und aus diesem Grund immer erwacht, ist das eine logische Folge. Es gibt Babys, die leiden stärker unter Bauchkrämpfen als andere und schlafen dadurch schlechter. Sie können sich ja noch nicht verständigen und schreien dann einfach.»Es gäbe aber sicher auch Faktoren, die zum Wohl des Kindes beeinflusst werden können. Ein Zimmer sollte zum Beispiel dunkel, ruhig und kühl sein. Im Unterschied zu Erwachsenen hätten Babys einen polyphasischen Schlaf, das heisst mehrere Schlafphasen, die auf den Tag verteilt und total etwa zehn Stunden lang seien und sich mit der Zeit auf sechs bis sieben Stunden verringerten.

Auch eine Frage der Kultur

Von Deutschland - die Situation in der Schweiz dürfte vergleichbar sein - gibt es Erhebungen, wonach der „Durchschnittsmensch“ um 23.04 Uhr ins Bett geht und um 06.18 aufsteht. Im europäischen Vergleich ist das wenig, in mediterranen Ländern wird länger geschlafen. Schlafforscher führen die Unterschiede darauf zurück, dass viel Schlafen im Norden ein schlechteres Image habe.

von Markus Sutter,

publiziert am 28.09.2018


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