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Gesünder leben?

Mit Autogenem Training und Meditation dem Stress begegnen

Davor Baggio ist Stressmanagement-Coach und gibt unter anderem Kurse in Autogenem Training. Sein ursprünglicher Beruf: Elektro- und Servicetechniker. Anlass für den Richtungswechsel nach 20 Jahren in der Privatwirtschaft war ein Burnout. Wie der Coach heute mit Stress umgeht und zur Ruhe kommt.

Sie sind Elektrotechniker, unterrichten heute jedoch Autogenes Training und andere Entspannungstechniken. Warum das?

Davor Baggio*: Eigentlich haben mich Menschen schon immer mehr interessiert als die Technik. Es hat nur etwas gedauert, bis ich das gemerkt habe. Nach 15 Jahren als Elektrotechniker wurde ich Projektleiter, danach Abteilungsleiter und weil ich dachte, dass ich im Personalwesen am meisten bewegen kann, wechselte ich ins HR. Doch dann hatte ich mit 40 Jahren einen Burnout, nach 20 Jahren in der Privatwirtschaft.

Und dann?

War mir klar, dass ich nicht mehr zurück in die Privatwirtschaft will und habe mich selbstständig gemacht. Ich hatte bereits eine Weiterbildung als Mentaltrainer hinter mir und wusste, dass ich noch jung genug bin, um etwas Neues zu probieren. Ich dachte, wenn es nicht klappt, kann ich immer noch zurück. Es war eine Chance für mich und es hat funktioniert. Im Nachhinein bin ich sogar dankbar für den Burnout.

Wie hat sich der Burnout gezeigt?

Ich hatte so ziemlich alle Symptome. Ich konnte nicht mehr einschlafen und nicht mehr essen. Ich war sehr reizbar, nervös und wurde depressiv. Zum Schluss hatte ich einen Nervenzusammenbruch und meine damalige Partnerin musste mich notfallmässig zum Arzt bringen.

Wie sind Sie auf das Autogene Training gekommen?

Durch die Empfehlung meiner Ärztin während meines Burnouts. Das Autogene Training half mir so schnell und gut, dass ich dachte, ‹das lerne ich jetzt richtig›. Als ich wieder gesund war, machte ich eine Ausbildung zum Lehrer für Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation (PMR). Damit machte ich mich dann selbstständig und begann Kurse an der Klubschule Migros zu geben. Das war vor 13 Jahren. Heute bin selbstständiger Coach mit den Schwerpunkten Stressmanagement und Persönlichkeitsentwicklung und gebe immer noch Kurse, auch an der Klubschule.

Im Moment ist Achtsamkeitstraining in aller Munde ...

Autogenes Training ist auch ein Achtsamkeitstraining. Das Gute am Autogenen Training: Es handelt sich um eine mentale Technik, die den Körper mit einbezieht. Man beobachtet den Atem, die muskuläre Entspannung, den Herzschlag und arbeitet stark körperzentriert, ohne dass man sich bewegt. Das führt zu einem tiefen Entspannungszustand, der regenerierend wirkt. Und: Man kann Autogenes Training überall anwenden. Im Wartezimmer, im ÖV, im Auto – mit offenen Augen natürlich. Kein Mensch sieht es.

(Fortsetzung weiter unten…)

Autogenes Training

Das Autogene Training besteht aus sechs Übungen, die aufeinander aufbauen. Um das ganze Programm zu lernen, braucht es etwa sechs bis sieben Wochen. Obwohl Davor Baggio in seinen Kursen immer wieder die Erfahrung macht, dass die Wirkung schneller einsetzt. Die Leute fühlen sich meist bereits nach zwei bis drei Wochen entspannter und fitter und können wieder besser schlafen. Schlafstörungen sind typisch, wenn Leute unter Stress stehen.  Das Autogene Training macht es möglich, mit Sätzen wie «Mein rechter Arm ist schwer» auf das vegetative Nervensystem einzuwirken. Das hilft zum Beispiel dabei, den Blutdruck und den Atem zu regulieren.

Sie hatten vor Ihrem Burnout Mentaltraining gemacht. Warum ist es trotzdem dazu gekommen?

Mentaltraining schützt nicht vor Burnout. Es ist ein gutes Werkzeug, um ein Ziel zu erreichen. Aber wenn man unter Stress steht, kann man es auch dazu missbrauchen, noch besser und schneller funktionieren zu können. Und es kann passieren, dass das Nervensystem und der Körper irgendwann nicht mehr mitmachen.

Machen Sie auch nach 13 Jahren noch täglich Autogenes Training?

Ja, allerdings zum Teil nur noch ein paar Minuten pro Tag. Wenn man Autogenes Training verinnerlicht hat und der Körper sofort darauf reagiert, reichen drei oder vier Minuten, um zu regenerieren. Ausserdem meditiere ich regelmässig.

Welche Art von Meditation?

Imaginative Meditation. Ich mache Bilderreisen, stelle mir ein Bild vor und versetze mich an einen schönen Ort. Manchmal meditiere ich, indem ich versuche, nichts zu denken, einfach nur den Atem zu beobachten und zu sein. Oder indem ich ein Objekt oder ein Muster betrachte. Es einfach nur anschaue und beobachte, ohne es zu bewerten und ohne zu urteilen.

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Mehr zu Autogenem Training

Progressive Muskelrelaxation

Bei der Progressiven Muskelrelaxation (PMR) konzentriert man sich auf den Körper: Man spannt der Reihe nach bestimmte Muskelgruppen kurz an und lässt sie danach wieder los. Das führt dazu, dass man nach der Anspannung die Entspannung bewusster wahrnimmt und letztere sich mit jeder bearbeiteten Muskelgruppe weiter im Körper ausbreiten kann. Für Davor Baggio ist PMR eine «wunderbare Methode für den Einstieg ins Autogene Training», weil man damit rasch lernt zu entspannen. PMR wirkt jedoch nicht so nachhaltig wie das Autogene Training.

Sind Sie nie mehr gestresst?

Lacht ... natürlich gibt es auch heute noch Situationen, die Stress auslösen können. Das gehört zum Leben dazu.  Inzwischen kenne ich aber wunderbare Möglichkeiten, wie ich ihnen begegnen kann. Wenn ich in Stress gerate, ist das oft mit einer gewissen Angst verbunden. Angst ist immer eine Fantasie der Zukunft, die so eintreten könnte, aber nicht muss. Das mache ich mir bewusst, indem ich mir sage: ‹Halt, jetzt bist du in der Zukunft und fantasierst. Jetzt gerade ist alles gut›. So kann ich mich ins Jetzt zurückholen und bin wieder handlungsfähig.

Was machen Sie heute anders als früher?

Als Servicetechniker für elektronische Geräte war ich viel unterwegs, fuhr zu Kunden nach Hause, suchte nach Fehlern bei Geräten und stand unter Zeitdruck. Zwar ging ich oft in die Natur, um zu entspannen, aber da kannte ich das Autogene Training und das Meditieren noch nicht.

Gehen Sie heute noch in die Natur?

Ja, oft. Die Natur hat etwas sehr Meditatives. Man kann beim Laufen jeden Schritt spüren, langsam laufen, die Füsse abrollen und Düfte wahrnehmen. Wenn ich in der Natur bin, höre ich keine Musik. Die Geräusche in der Natur sind viel schöner, als wenn ich zuhause am PC dem Rauschen eines Baches zuhöre. Das ist auch eine Fokussierung der Aufmerksamkeit.

Als Coach und Kursleiter sind Sie aber wieder häufig unterwegs ...

Schon, aber ich habe gelernt, auch einmal Nein zu sagen. Wenn ich merke, dass ein Auftrag mir nicht guttut, zum Beispiel. Sich die Konsequenzen des Ja- oder Nein-Sagens bewusst zu machen, braucht manchmal etwas Überwindung, ist aber wichtig.

von Susanne Schmid Lopardo,

veröffentlicht am 13.10.2020


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