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Gesünder leben?

Wohlfühl-Ambiente im Büro hält gesund

Wir verbringen viel Zeit mit der Arbeit. Umso wichtiger, dass wir uns dabei wohlfühlen. Eine geeignete Einrichtung kann viel dazu beitragen.

Sofaecke, Salontischchen, Barhocker und Kunstrasen im Büro? Oder gar Spassfaktoren wie Rutschbahn und Pingpongtisch – wie bei Google? Eigentlich geht man ja ins Büro, um zu arbeiten. Und diese Tätigkeit hat naturgemäss eher mit Anstrengung zu tun als mit Entspannung, würde man denken.

«Diese Auffassung ist typisch, besonders im zwinglianischen Zürich», sagt Lukas Windlinger und lacht. Er ist Arbeits- und Organisationspsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Viele glauben, wenn es nicht ein wenig wehtue, handle es sich nicht um Arbeit.» Dabei sei es für die Gesundheit äusserst wichtig, dass man sich am Arbeitsplatz wohlfühle und auch mal regenerieren könne.

In der Schweiz arbeiten rund 2 Millionen Menschen vorwiegend am Computer – in der Regel acht Stunden pro Tag. Und immer mehr leiden dabei unter Stress, was nicht selten zu psychischen oder körperlichen Krankheiten, Burnout-Zuständen bis hin zur Invalidisierung führt. Natürlich seien zuallererst einmal die Arbeitsinhalte sowie der zwischenmenschliche Umgang ausschlaggebend dafür, ob man sich im Unternehmen wohlfühle, räumt Windlinger ein. «Doch die Gestaltung der Räume ist wichtiger als gemeinhin angenommen.»

Für jede Arbeit die geeignete Zone

Der Professor hat an einem Leitfaden der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz mitgearbeitet, der 2019 erschienen ist und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Er soll Unternehmen im Prozess der Umgestaltung ihrer Räume unterstützen. Bei ihrem Umzug vor sechs Jahren von einer Berner Jugendstilvilla in einen Bürokomplex in Wankdorf hat die Stiftung die Empfehlungen gleich selber umgesetzt.

Die tiefgreifendste Veränderung war der Verzicht auf fixe persönliche Arbeitsplätze. Sogar für die Geschäftsleitung gibt es nun keine Einzelbüros mehr. Mit der Massnahme will man den Austausch untereinander stärken.

Gleichzeitig wurde damit viel Platz für diverse andere Büroelemente gewonnen: Sitzungs- und Seminarzimmer, kleine Rückzugsräume für stilles Arbeiten, eine Bibliothek, eine wohnzimmerartige Lounge mit Sofa und bequemen Sesseln, ein sogenannter Office-Garden mit natürlichen Pflanzen und Rasenteppich, eine Cafeteria sowie ein Ruheraum. Besonders in den behaglicheren Räumen sorgen anregende, aber nicht aufdringliche Farben für eine angenehme Atmosphäre.

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Mitarbeitende sollen mitreden können

Bei der Planung seien die Mitarbeitenden durch eine Nutzer-Vertretung kontinuierlich einbezogen worden, erklärt Andreas Wieser, ehemaliger Co-Leiter des Projekts Friendly Workspace Office. «Klar verlief nicht der ganze Prozess harmonisch», räumt Wieser ein.

Es habe auch Verlustängste gegeben – einerseits aufgrund des Wegfalls der Einzelbüros, andrerseits wegen des Wegzugs aus dem gemütlichen Wohnquartier in eine Neubaugegend. Auch habe man nicht auf alle Wünsche wie etwa nach einem eigenen Parkplatz oder einem speziellen Stuhl eingehen können.

Wichtig war vor allem, leise und lautere Zonen voneinander zu trennen. «Die Möglichkeit, still und ungestört zu arbeiten, reduziert Stress», erklärt Wieser. Die Arbeitsplätze in den offenen Bereichen wurden entlang der Fensterfront angeordnet, damit sie natürliches Licht erhalten. Die automatische Klimatisierung im Energie-zertifizierten Gebäude sorgt für eine gute Luftqualität. Trotzdem können einzelne Fenster geöffnet werden, denn etwas selber regulieren zu können, gibt ein gutes Gefühl.

Nicht ganz optimal ist, dass im modernen Bürokomplex keine Terrasse vorhanden ist. Einen kleinen Ersatz für den Garten am ehemaligen Standort soll der Office-Garden darstellen. Zudem bestehe die Möglichkeit, Gespräche oder andere Arbeiten ins nahe Café auf dem Areal zu verlagern, sagt Wieser. «Die Mitarbeitenden sind mittlerweile sehr zufrieden mit ihrem neuen Arbeitsort.»

Pflanzen und Farben nützen bereits viel

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Die Büroräume von Gesundheitsförderung Schweiz können ab Ende September virtuell besichtigt werden. Der Leitfaden Friendly Workspace ist unter fws-office.ch einsehbar.

Was aber rät der Organisationsentwickler kleineren Firmen, die etwas für die Gesundheit ihrer Angestellten tun möchten, aber nur über begrenzte Mittel verfügen? «Nur schon ein paar Farben und Pflanzen sowie eine gemütliche Kaffeeecke können viel bewirken», ist Andreas Wieser überzeugt. «Das Konzept muss zum Unternehmen passen. Der Google-Style eignet sich nicht für alle.»

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Ruheräume und Nickerchen über Mittag

Ein kurzes Wegdösen nach dem Mittagessen kann sehr erfrischend wirken. Immer mehr Firmen bieten die Möglichkeit dazu.

Die Südländer machen es uns vor: In den wärmsten Stunden, wenn das Mittag¬essen schwer im Magen liegt, halten sie Siesta. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Produktivität in dieser Zeit sinkt. Verschiedene Studien legen auch nahe, dass ein Mittagsschläfchen das Risiko vermindert, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dennoch kämpfen hierzulande zahlreiche Arbeitnehmer am frühen Nachmittag gegen lähmende Müdigkeit an, verharren vor dem Bildschirm und versuchen den Anschein des fleissigen Mitarbeiters aufrechtzuerhalten.

Immer mehr Firmen bieten deshalb einen Ruheraum an. Dennoch mache nur ein kleiner Teil der Werktätigen davon Gebrauch, sagt Christian Lauchenauer. Der Industriedesigner hat sich in seiner Bachelorarbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz mit dem Thema auseinandergesetzt. Dabei hat er die Situation in zwölf grossen Unternehmen unter die Lupe genommen – vorwiegend bei Banken, Versicherungen und Pharmakonzernen. In unserer Kultur sei das Mittagsschläfchen einfach nicht verankert, ist der Basler zum Schluss gekommen. «Tagsüber schlafen gilt bei uns als faul.»

Es braucht Privatsphäre

Günstige Bedingungen hat Lauchenauer zum Beispiel bei der UBS-Filiale in Basel angetroffen, wo spezielle Schlafkabinen zur Verfügung stehen. Es handelt sich um Boxen namens Calm der Firma Haworth, in denen das Einnicken mit passendem Licht und Musik erleichtert wird und eine Weckfunktion eingebaut ist. Auch die Hoffmann-La Roche in Basel hat extra für diesen Zweck entwickelte Liegen angeschafft. Die sogenannten Energypods schirmen die Schläfer mit einer Kugel im Kopfbereich vor Blicken ab. «Ein intimer Rahmen ist ausschlaggebend dafür, ob die Gelegenheit genutzt wird», betont Lauchenauer.

Zudem sei es wichtig, dass die Entspannungskultur von den Vorgesetzten aktiv gefördert und im Idealfall sogar vorgelebt werde. Ein Ruheraum, in dem Erholungssuchende den Blicken anderer ausgestellt sind, funktioniere erfahrungsgemäss nicht, ist der Autor zum Schluss gekommen. «Zu gross ist die Angst, vom Chef entdeckt zu werden.»

von Andrea Söldi,

veröffentlicht am 06.10.2020


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