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Gesünder leben?

Nein sagen will gelernt sein

Ein Event jagt den anderen und etwas auslassen ist undenkbar: Freizeitstress ist ein weit verbreitetes Phänomen. Wie man es schafft, Nein zu sagen.

So grenzen Sie sich besser ab

Bilanz ziehen: 
Welche Aktivitäten und Kontakte tun mir gut? Wo regeneriere ich? Was hingegen zieht mir zu viel Energie ab? Wie steht es mit der Balance zwischen Geben und Nehmen? Bin ich allzeit zu allem bereit, während von der anderen Seite nie etwas kommt? Wenn dem so ist: Soll ich an diesen Kontakten wirklich festhalten? Sich solche und ähnliche Fragen regelmässig zu stellen, schärft die Wahrnehmung. Events und Einladungen sind dann besser planbar.

Prioritäten setzen: 
Man kann nicht alles, aber man muss auch nicht alles. Tun Sie das, was Ihnen am Herzen liegt und wovon Sie überzeugt sind. Und sagen Sie da Nein, wo es Ihnen zu viel wird.

Nein ist nicht gleich Nein: 
«Interessiert mich nicht. Mach ich nicht.» Wer derart kurz angebunden reagiert, stösst andere vor den Kopf. Ein Nein sollte eine emotionale und eine rationale Komponente haben. Etwa: «Eure Einladung freut mich, ich hätte euch gerne gesehen. Aber diesmal schaffe ich es nicht. Ich möchte nach stressigen Arbeitswochen Ruhe und ein bisschen Zeit für mich.»

Verständnis schaffen: 
Ein wohlwollend formuliertes Nein macht es dem Gegenüber leichter, die Absage zu respektieren und zu akzeptieren. Garantiert ist dies aber nicht. Auch ein freundliches Nein birgt Konfliktpotenzial und kann andere brüskieren. Dies gilt es auszuhalten.

Kompromisse finden: 
«Wir sind ein Paar, also gehen wir da zusammen hin.» Diese Erwartungshaltung schafft zusätzlich Druck. Warum den Partner immer ins Theater zwingen, wenn er sich abends lieber aufs Velo schwingt? Bemühen Sie sich um Kompromisse: Was ist beiden wichtig? Zu welchem Anlass komme ich meinem Partner, meiner Partnerin zuliebe mit? Wo gehe ich alleine hin? Und worauf können beide verzichten?

Die Arbeitswoche war verrückt: Nur Hektik, keine Verschnaufpause. Jetzt ein ruhiges Wochenende geniessen. Ausschlafen, frische Luft tanken, lesen. Sonst nichts. Schön wärs. Das Programm schaut stattdessen folgendermassen aus: Am Samstagvormittag Kisten schleppen – der Sohn eines Freundes zügelt. Abends der längst vereinbarte Kinoabend mit Bekannten. Und am Sonntag kommen die Schwiegereltern zum Brunch – Nachmittagsausflug inklusive.

Viele Menschen setzen in der Freizeit fort, worüber sie am Arbeitsplatz klagen. Sie stehen unter Druck und fühlen sich gestresst. Einen Gang runterschalten wäre angebracht. Aber die vollgepackte Agenda lässt das nicht zu. Dabei sein ist schliesslich wichtig. Und wenn wenn jemand Hilfe braucht, ist man selbstverständlich da. Nein sagen, das geht doch nicht.

Angst vor negativen Folgen

«Ja sagen ist angenehmer, zumindest für den Moment», sagt Stress-Coach Rolf Heim. Die Erwartungen des Gegenübers sind erfüllt, das positive Feedback sicher. Beides verschafft das gute Gefühl, gemocht und geschätzt zu werden.

Bei einem Nein hingegen schwingt die Angst vor negativen Folgen mit: Vielleicht verspiele ich Sympathien. Werde später ebenfalls abgelehnt, wenn ich Unterstützung benötige oder im grösseren Kreis feiern möchte. Manchmal ist da sogar die Furcht, den Bekannten- und Freundeskreis zu verlieren und irgendwann isoliert dazustehen.

Diese Angst ist aber unbegründet. «Menschen, denen wirklich etwas an einem liegt, zeigen für ein Nein in aller Regel Verständnis», sagt Rolf Heim. Vorausgesetzt, die Absage ist wohlwollend formuliert (siehe Box). Mit Unverständnis reagieren oft jene, die in erster Linie ans eigene Wohl und den eigenen Vorteil denken. Was der andere braucht, ist ihnen nicht weiter wichtig.

Angepasst statt aufmüpfig?

Soziale Kontakte werden nach Rolf Heims Beobachtung selten hinterfragt. Man pflegt sie, weil es dazu- und sich gehört. Angepasst und nicht aufmüpfig sein, diese alte Norm gilt auch heute noch. Problematisch wird es da, wo die eigene Gesundheit und Psychohygiene aus dem Lot gerät. Der Stress-Coach rät: Wessen Lebensqualität leidet, sollte die Notbremse ziehen – ein beherztes Nein im richtigen Augenblick hilft dabei.

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Publiziert am 03.10.2017,

von Vera Sohmer