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Gesünder leben?

Wie wir unser Glück selber schmieden

Glücklichsein lässt sich bis zu einem gewissen Grad lernen. Und es lässt sich auch trainieren, sagt Willibald Ruch, Professor für positive Psychologie an der Universität Zürich. Wie das geht, erklärt er im Interview.

Prof. Dr. Willibald Ruch, Psychologie Profeessor UZH Zürich
Prof. Dr. Willibald Ruch, Psychologie Profeessor UZH Zürich
Prof. Dr. Willibald Ruch

Willibald Ruch ist Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik. Er präsidiert die Gesellschaft für positive Psychologie. Zusammen mit seinem Team hat er den Fragebogen zu den 24 Charakterstärken und das Stärkentraining erstellt. Für ein Forschungsprojekt des Nationalfonds rund um Charakter und gutes Leben sucht er noch Probanden.

Wann bezeichnen Sie jemanden als glücklich?

Prof. Dr. Ruch: Das ist ein subjektives Gefühl, das jeder Mensch anders beschreibt, also sehr unpräzise.

Und was ist Glück?

Das «Glück», das die positive Psychologie meint, umschreibt am besten der englische Ausdruck «happiness». Er meint langfristiges «Glück», das wir uns zu einem gewissen Grad selber gestalten können.

Wie können wir es selber beeinflussen?

Durchschnittlich geht man davon aus, dass rund 50 Prozent genetisch bedingt sind, den Rest kann man aber in einem gewissen Grad beeinflussen, indem man seine Stärken fördert. In unserem Katalog existieren 24 Stärken, von denen fünf besonders häufig sind fürs subjektive Glücksempfinden: Bindungsfähigkeit, Neugier, Tatendrang, Optimismus und Dankbarkeit. Das Positive: Man kann seine Stärken trainieren.

Wie geht das?

Es ist wie im Kraftraum des Fitnesszentrums: Ständiges Training stärkt eine Eigenschaft. Optimismus etwa trainiert man, indem man Niederlagen dazu nutzt, es das nächste Mal besser zu machen und sich an Menschen zu orientieren, die es geschafft haben.

Können Sie ein Beispiel anführen?

Der Optimist fragt: Wie habe ich eine Stärke bis anhin angewendet und wie könnte ich sie neu anwenden? Wer zu spät angefangen hat zu lernen und deshalb bei einer Prüfung durchgefallen ist, schliesst sich einer Lerngruppe an, die Erfolg hatte. Dankbarkeit können wir trainieren, indem wir einer Person, der wir dankbar sind, einen Brief schreiben, um ihr zu danken. Den Sinn für das Schöne kann ich fördern, indem ich jeden Tag aufschreibe, was ich Schönes gesehen habe und so weiter.

Wie integriert man dieses Training am besten in den Alltag?

Man nimmt sich abends eine Viertelstunde Zeit, um zu überlegen, wie man sich die Aufgaben des nächsten Tages erfreulich gestaltet. Und man zieht Fazit: Was habe ich gut gemacht heute? Wie habe ich es geschafft, dass es mir heute gelingt? Wir sprechen hier auch von der «Selbststeuerung». Eine der 24 Charakterstärken, die wesentlicher ist als andere für das Glücksempfinden.

Wie gestalte ich die Aufgaben des nächsten Tages positiv?

Beispiel Wohnung aufräumen: Wie gelingt mir das? Je nachdem, mache ich das zusammen mit einem Freund und schöner Musik und organisiere mir das dann.

Wie finden wir heraus, welches unsere Stärken sind?

Auf unserer Homepage charakterstaerken.org gibt es einen Fragebogen, den man ausfüllen kann.

Und wenn ich keinen Fragebogen ausfüllen will?

Ich habe beim Einscannen der Fotos aus meiner Kindheit gesehen, dass ich oft Blumen in der Hand hatte und gerne in der Natur war. Die Freude am Schönen und an der Natur zeichnen mich neben anderem auch heute aus. Also: Man kann auch alte Fotos anschauen oder die 24 Charaktereigenschaften des Fragebogens für sich bewerten, ohne den Fragebogen auszufüllen. Eine weitere Möglichkeit ist, andere Leute, die einen gut kennen, zu fragen, welche Charakterstärken sie in einem wahrnehmen. Der Fragebogen liefert jedoch ein genaueres Bild und hat den Vorteil, dass man sich damit auch mit anderen Personen vergleichen kann.

Wir sollten uns daran erinnern, was uns in der Kindheit Spass gemacht hat.

Was versteht die positive Psychologie unter «Glück»?

In der Forschung wird «Glück» häufig als subjektives Wohlbefinden verstanden: Dies heisst, dass es einem emotional gut geht und man mehr positive Gefühle als negative erlebt. Aber auch, dass man sein Leben rückblickend als gut bewertet und mit seinem Leben zufrieden ist. Kurz: In der positiven Psychologie versteht man unter Glück häufig Lebenszufriedenheit und emotionales Wohlbefinden.

Wie misst man «Glück» oder Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit?

Es gibt zahlreiche Modelle und in der Forschung noch keine Einigkeit, welches Modell für welchen Zweck das sinnvollste ist. Eine Methode, die wir anwenden ist PERMA. Sie umschreibt fünf Kategorien, die Happiness abbilden. Je mehr dieser Eigenschaften Menschen aufweisen und anstreben, desto grösser ist ihr Wohlbefinden. Es handelt sich dabei darum, positive Gefühle zu haben (positive emotions), sich zu engagieren (engagement), positive Beziehungen im Leben zu haben (relationships), dem Leben einen Sinn abzugewinnen (meaning) und Ziele oder Aufgaben erfolgreich zu erreichen (accomplishment). Auf diese fünf Eigenschaften werden dann die 24 Stärken verteilt. Diese lassen sich wie gesagt auch mittels Fragebogen erfassen.

Was zeichnet glückliche Menschen aus?

Der Fokus liegt bei ihnen auf dem Positiven, nicht auf dem Negativen. Und: Wir sollten uns daran erinnern, was uns in der Kindheit Spass gemacht hat.

Wie setzt man diese Erinnerung ins Erwachsenenleben um?

Als Kinder haben wir gerne Streiche gespielt. Mit einem Humortrainer geriet ich einst in New York in einen Stau. Er setzte sich abwechselnd eine Schweinemaske und einen Elefantenrüssel auf und beobachtete, wie die anderen Autofahrer darauf reagierten. Die Stimmung der Stausteher änderte sich wahrnehmbar. Das klingt, so erzählt, aufgesetzt, aber wenn Sie drinstecken, ist es saulustig. Diese Aktion erinnert an die Kindheit, in der wir anderen Verkehrsteilnehmenden die Zunge rausstreckten oder zuwinkten. Schwieriger wird es, über sich selber lachen zu können, aber auch das lässt sich trainieren. Verspieltheit kann ein Motor sein, wenn man seine Stärken trainieren möchte. (Lesen Sie unten weiter...)

Was braucht es zum Glücklichsein?

Was macht unglücklich?

Der Vergleich mit anderen. Wer den inneren Massstab ernst nimmt und nicht schaut, was die anderen machen, ist glücklicher.

Was ist Ihr Tipp gegen den Novemberblues?

Jeden Tag etwas unternehmen, das positive Gefühle auslöst. Sei es schöne Musik zu hören, gut zu essen, von angenehmen Gerüchen umgeben zu sein oder sich zu engagieren, wo das Interesse liegt. Auch anderen etwas Gutes zu tun, hilft. Etwa genauer hinhören, nachfragen, positives Feedback geben. Dabei geht es um positive Beziehungen. Auch Ziele zu erreichen, Erfolg zu haben, beflügelt. Oder sich für eine grössere Sache einzusetzen.

Und Banales wie shoppen oder einen Kurs besuchen?

Ja, solange es den Stärken entspricht. Shoppt man etwas, um jemandem etwas Gutes zu tun, beeinflusst das die Zufriedenheit positiv. Das zeigten Experimente rund um die Freiwilligenarbeit. Insofern hat jedes «kleine Glück» im Alltag positive Wirkung, solange es von einer eigenen Stärke angetrieben wird. Beispiel Kochkurs: Ich besuche einen Kochkurs, lebe aber meine Kreativität und fördere zwischenmenschliche Beziehungen, indem ich zusammen mit anderen eigene Rezepte entwickle.

Wie gehen «glückliche Menschen» mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen um?

Die trauern hoffentlich wie alle Menschen. Beim Glücklichsein geht es nicht darum, aus einer Situation krampfhaft etwas anderes zu machen. Der Tod eines Menschen ist traurig. In solchen Situationen geht es nach der Trauerphase darum, zu überlegen: Wie kann durch ein schlechtes Ereignis ein gutes entstehen? Oder wie es im englischsprachigen Raum heisst: «One door closes, one door opens». Bei mir war das die Musikerkarriere, die ich nach der bitteren Erkenntnis, dass es nicht reichen würde, aufgab. Dafür öffnete sich das Tor der Forschung. Auch dank Neugierde und Ausdauer.

Und Ihr Tipp an alle, die nach mehr «happiness» streben?

Akzeptieren Sie die Polaritäten des Lebens und erschrecken Sie nicht, wenn Sie einmal traurig oder melancholisch sind: Das ist immer die Startbahn zu neuem Glück – sofern die Phase nicht zu lange dauert. Und Sie können es beeinflussen, wenn Sie bereit sind, etwas an sich zu arbeiten. Wichtig dabei: Man sollte die Suche nach Glück gelassen und entspannt angehen und auf keinen Fall überstrapazieren. Sonst wird es eine Retourkutsche.

von Silvia Schütz,

publiziert am 06.12.2018


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