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Gesünder leben?

Was macht das Verliebtsein mit uns?

Verliebte befinden sich im Glücksrausch – aber oft endet dieser Zustand im Desaster. Weshalb es sich lohnt, mehr auf Vernunft statt auf Schmetterlinge im Bauch zu setzen.

Es ist nicht zufällig von «Frühlingsgefühlen» die Rede, wenn Menschen sich verlieben. Dem Frühling wird das Potenzial zugeschrieben, die Hormone in Wallung zu bringen. Die Bereitschaft, sich zu verlieben, ist tatsächlich grösser, wenn draussen das Leben erwacht und Sonnenstrahlen die Haut wärmen.

Die Chemie der Verliebtheit

Was sich im Körper von Verliebten abspielt, ist hinlänglich bewiesen: Das Stresshormon Adrenalin bringt das Herz zum Rasen, die beiden Glückshormone Serotonin und Dopamin spielen verrückt. So ist der Serotoninspiegel ähnlich tief wie bei Zwangsneurotikern. Das erklärt, warum schwer Verliebte nur noch an die eine Person denken können. Das Dopamin wiederum versetzt sie in einen Glücksrausch, vergleichbar mit der Wirkung von Drogen. Ist die Person, an die sich diese Gefühle richten, abwesend, machen sich Entzugserscheinungen bemerkbar.

Alle diese biochemischen Reaktionen sind eine enorme Stresssituation. Der Neurologe Antonio Damasio meint es also durchaus ernst, wenn er die Verliebtheit als «kurzfristigen Hirnschaden» bezeichnet.

Von der Verliebtheit zur Liebe

Das ist, nüchtern betrachtet, keinesfalls ein Zustand, der erstrebenswert ist. Und doch sehnen sich viele Menschen nach exakt diesem Rausch der Gefühle. Dabei ist der Extremzustand oft ein Hindernis, damit sich Liebe entwickeln kann, oder einer der Gründe, warum sie vorzeitig endet.

Eine Beziehung, die ohne die berühmten Schmetterlinge im Bauch beginnt, soll sogar die besseren Chancen haben als ein Beisammensein, das auf romantischer Verliebtheit gründet. Das haben Psychologen und Soziologen durch Befragungen vieler tausender Paare herausgefunden.

Echte Freundschaft, so fasst die Zeitschrift «Spiegel» die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen, schmiedet Paare viel fester zusammen als die Herzklopfdramatik der vermeintlich grossen Liebe. Einer der Gründe ist, dass sich Paare realistischer einschätzen und es kein böses Erwachen gibt, wenn der hormonelle Glücksrausch vorbei ist.

Das grosse Liebesleid

Verliebtheit ist eben nicht nur Quell grossen Glücks, sondern auch grossen Unglücks. Tausendfach ist das Liebesleid in der Literatur beschrieben worden, aber die Betroffenen sind mit ihrem Schmerz doch unendlich alleine, absorbiert von einem zermürbenden inneren Monolog, gefangen in einem hypnotischen Zustand aus Warten und Angst.

Keiner hat diese «philosophische Einsamkeit» der (unglücklich) Liebenden besser erfasst als der französische Philosoph Roland Barthes in seinem Werk «Fragmente einer Sprache der Liebe». Das sehnsüchtige Warten, die latenten Zweifel, banalste Zeichen, die der Verliebte deuten muss und die in seinem Kopf ein wahres Sprachfieber auslösen – «die Unruhe des Liebenden bringt eine Verausgabung mit sich, die dem Organismus ebenso heftig zusetzt wie schwere körperliche Arbeit», schreibt Barthes.

Warum tun wir uns das an?

Warum tun sich Menschen dieses Auf und Ab der Gefühle überhaupt an? Antworten dazu finden sich unter anderem bei der Soziologin Eva Illouz. Die Ängste und Enttäuschungen, die so vielen Liebesgeschichten anhaften, haben eben auch mit der Vorstellung einer «romantischen Wahl» und der engen Verknüpfung der Liebe mit dem Selbstwertgefühl zu tun, wie sie in ihrem Buch «Warum Liebe weh tut» analysiert.

Dieses Leiden an der Liebe muss vor dem sozialen und kulturellen Kontext gesehen werden. Konkret: dem Zeitalter des Individualismus. Wie Illouz aufzeigt, waren im 18. und 19. Jahrhundert die Ehe und romantische Liebesabenteuer fest in gesellschaftlichen und ökonomischen Erwägungen verankert.

Heute ist die Liebe aus ihren sozialen Rahmenbedingungen herausgelöst und somit «zum Schauplatz der Aushandlung des Selbstwertgefühls geworden», so Eva Illouz. In diesem unregulierten Markt der Verpartnerung muss jeder selber wissen, wie er erobert. Jedes zögerliche Verhalten und Scheitern wird folglich als persönliches Misslingen empfunden.

Die Soziologin verherrlicht damit nicht etwa frühere Verhältnisse. Vielmehr macht sie darauf aufmerksam, dass das «moderne Ich» mit den Wahlmöglichkeiten und fehlenden Bezugspunkten zu kämpfen hat; es muss sich quasi immer wieder neu erfinden und verorten.

Die Liebe in Zeiten des Kapitalismus

Dass die Liebe im 21. Jahrhundert von kapitalistischen Werten wie dem Effizienzstreben oder der Konsumhaltung durchdrungen ist, macht die Sache nicht einfacher. «Die Partnerwahl findet in einem hochgradig wettbewerbsorientierten Markt statt», bringt es Eva Illouz auf den Punkt.

Immer weniger Menschen sind bereit, ihr Gegenüber wirklich kennenzulernen und sich Zeit zu lassen, damit sich Gefühle entwickeln können – als ob die Liebe sich einfach ergäbe, der Funke immer sofort überspringen müsste.

Tiefe Bindung statt Strohfeuer

Es geht Illouz nicht darum, Liebesschmerz mit allen Mitteln zu umgehen, im Gegenteil. Sie plädiert einfach dafür, Gefühle nicht mehr der ökonomischen Logik zu unterwerfen. Sondern der Liebe Zeit zu lassen, sich ihre Einzigartigkeit zu vergegenwärtigen, anstatt sich zum Sklaven des berauschenden Gefühls der Verliebtheit zu machen.

Denn das bedeutet auch immer, einem romantisch-verklärten Ideal nachzuhängen – und das ist der sichere Weg in den Herzschmerz (siehe auch «Was ist das Geheimnis der Liebe?».

von Manuela Specker


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