Ein Gedanke geht auf Wanderschaft

Wir mögen stundenlang am Schreibtisch sitzen, die Gedanken tun es nicht: Sie entgleiten ins Wochenende, erklimmen Berge oder besuchen unsere Kindheit. Sind Tagträume nichts als verschwendete Zeit? Oder beeinflussen sie unser Leben mehr als wir denken?

Eben noch beugten wir uns über unsere Steuererklärung, und nun liegen wir plötzlich auf Kapverden am Strand, in einer Hand den Vertrag für einen aufregenden Job und auf dem Badetuch nebenan räkelt sich der Mensch, für den wir heimlich schon seit Schulzeiten schwärmen. Unsere Gedanken sind uns davongeschlichen, wieder einmal, ohne dass wir davon etwas gemerkt hätten, bis jetzt: Zurück an den Küchentisch also, draussen nieselt es, vor uns noch immer ein Stapel Blätter, der ausgefüllt werden will.

Der Sinn von Tagträumen ist umstritten

Sind Tagträume nichts als verschwendete Zeit? Oder bestimmen sie unser Leben mehr als wir denken? Die Wissenschaft ist nicht nur uneins darüber, was Tagträume eigentlich sind und wie man den Begriff am besten eingrenzt. Keine Einigkeit herrscht auch darüber, welchen Einfluss es auf uns hat, wenn wir unsere Gedanken wandern lassen oder uns vorstellen, was für unerwartete Wendungen das Leben nehmen könnte.

Abschweifen fördert Kreativität

Gerne wird zum Thema beispielsweise eine amerikanische Studie zitiert, deren Teilnehmer möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein nennen mussten. Nach dem ersten Teil der Übung wurden die Probanden in vier Gruppen aufgeteilt: Eine fuhr mit der Auflistung fort, eine widmete sich einer anderen anspruchsvollen Aufgabe und eine machte Pause.

Die vierte Gruppe beschäftigte man mit einem ziemlich langweiligen Test, der geradezu zum Abschweifen aufforderte. Es war ausgerechnet diese Gruppe, die im zweiten Teil der Auflistungsübung auf einmal viel originellere Antworten gab. Der Kreativität ist es durchaus dienlich, so lässt sich das Fazit der Psychologen etwas salopp zusammenfassen, wenn man zwischendurch mal Stifte sortiert und die Gedanken wandern lässt. Andere Studien wiederum kommen zum Schluss, dass, wer häufig abdriftet und mehr Zeit im Gestern und Morgen verbringt als im Heute, unzufriedener durchs Leben geht als andere.

Erfolgsphantasien als Hindernis

Eine, die seit über zwei Jahrzehnten erforscht, was geschieht, wenn wir uns in den schönsten Farben ausmalen, wie wir nächsten Sommer mit zehn Kilo weniger durchs Freibad stolzieren, ist Gabriele Oettingen. Die deutsche Psychologin begann in den Neunzigerjahren die Wirkung positiven Denkens unter die Lupe zu nehmen und überraschte mit ihren Resultaten zuerst einmal sich selbst: Entgegen Oettingens Erwartungen nahmen von den übergewichtigen Frauen in ihrer ersten Studie nämlich diejenigen Teilnehmerinnen, die sich ihren Diäterfolg am blumigsten vorgestellt hatten, viel weniger ab als diejenigen, die sich die Zukunft nicht so positiv ausgemalt hatten.

Wer in Erfolgsphantasien schwelge, fühle sich am Ziel angekommen, selbst wenn er weit davon entfernt sei, sagt Oettingen, die Professorin an der Universität Hamburg und an der New York University ist. Das lässt sich nachmessen: «In solchen Situationen sinkt der Blutdruck und wir entspannen uns.» Damit würden uns aber der notwendige Antrieb und die Energie fehlen, um unsere Tagträume wahr zu machen. Das gilt für das Wunschgewicht genauso wie für den tollen Job oder ein Date mit der Traumfrau.

Tagträume sind Wegweiser

Trotzdem komme positiven Zukunftsphantasien eine wichtige Rolle zu, betont Oettingen. Schliesslich entstünden sie aus unerfüllten Bedürfnissen und gäben die Richtung vor, in die wir uns bewegen wollen. «Nur müssen wir uns auch die Hindernisse vor Augen führen, die der Erfüllung eines Traumes im Weg stehen.» Das Dessertbuffet an der nächsten Party, der veraltete Lebenslauf, die attraktive Kollegin, die sich gerade mit dem Mann unterhält, mit dem wir gerne auch einmal etwas länger reden würden.

Oettingen hat das, was sie in den letzten Jahrzehnten über das Tagträumen gelernt hat, auf die griffige Formel Woop gebracht; die Buchstaben stehen für Wunsch (wish), Ergebnis (outcome), Hindernis (obstacle) und Plan (plan). Nur mit klaren Vorstellungen davon, was wir wirklich möchten und welche Schwierigkeiten wir auf dem Weg dorthin antreffen, sagt sie, können wir die Realisierung unserer Wünsche planen, sie an unsere Möglichkeiten anpassen und manche davon auch einfach Wunschträume sein lassen.

von Ümit Yoker


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