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Gesünder leben?

Der glutenfreie Boom hat gute Gründe

Früher wurden sie von vielen Ärzten als Spinner abgetan. Inzwischen sind aber auch die Mediziner überzeugt, dass es Menschen gibt, die kein Gluten vertragen – und bei denen medizinische Tests dennoch ins Leere laufen.

Der Tennisspieler Novak Djokovic macht es, Victoria Beckham auch, Lady Gaga und die Schauspielerin Scarlett Johansson. Die vier gehören zu etlichen Prominenten, die freiwillig auf herkömmliches Brot verzichten – darin ist Gluten enthalten, das Klebereiweiss, das dafür sorgt, dass Brot nicht krümelig wird.

Mittlerweile folgen viele Sportler diesem Trend: Bei einer Onlineumfrage unter 910 Sportlern, darunter Olympiasieger und Weltmeister, gaben 41 Prozent an, mindestens die Hälfte der Zeit Gluten wegzulassen. Vier von fünf berichteten von einer Besserung ihrer Symptome. Die Mehrzahl war überzeugt, an «Glutensensitivität» zu leiden, im Fachjargon «NCGS» genannt (non-celiac gluten sensitivity).

Wo Gluten enthalten ist

Die bei uns üblichen Getreidesorten – Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste – enthalten Gluten, ebenso alles, was damit hergestellt wird: Teigwaren, Pizza, Bier, mit Mehl gebundene Saucen oder Suppen. Wer sich glutenfrei ernährt, erfährt täglich, in wie vielen Produkten Gluten ist.

Trotzdem unterwerfen sich immer mehr Menschen dieser teils mühsamen Diät, die auch ins Geld geht. Sie verursacht Mehrkosten von rund 200 Franken im Monat, schätzt die IG-Zöliakie, ein Interessenverband von Menschen, die sich wegen ihrer Erkrankung glutenfrei ernähren müssen.

Die Zöliakie ist eine seit Langem bekannte Krankheit, die sich mit Bluttests und Darmgewebeproben diagnostizieren lässt – im Gegensatz zur NCGS, wo es bisher keinen medizinischen Test gibt.

Die Symptome

Die Symptome von NCGS sind vielfältig: Sie reichen von Verdauungsproblemen mit Blähungen oder Durchfall über Kopf- und Gelenkschmerzen bis hin zu Ängsten, Halluzinationen, Depression oder Taubheitsgefühlen – Beschwerden, bei denen kaum jemand ans Getreide als Ursache denkt.

Dass es glutenempfindliche Menschen gibt, daran zweifeln die Mediziner inzwischen nicht mehr. Beweisend sind Versuche wie jener an 39 Patienten mit Reizdarm, die sich glutenfrei ernährten. Sie bekamen täglich entweder zwei Scheiben glutenhaltiges oder aber glutenfreies Brot und ein Muffin.

Geschmacklich waren die Backwaren nicht zu unterscheiden. Die glutenhaltigen führten binnen einer Woche zu Müdigkeit, Stuhlproblemen und Bauchschmerzen.

Die Häufigkeit

Offen ist, wie häufig die Glutensensitivität ist. Die Schätzungen reichen von 0,5 bis 10 Prozent der Bevölkerung. Nahrungsmittelunverträglichkeiten würden zwar zunehmen, genauso aber auch «Nahrungsmittelunverträglichkeits-Neurosen», gibt der Darmspezialist Gerhard Rogler zu bedenken, Professor an der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie des Universitätsspitals Zürich.

Seit etwa 2011 boomt «glutenfrei». Die Migros etwa führt derzeit 64 glutenfreie Produkte mit dem Label von aha!, Ende 2013 waren es erst 30. Die Wachstumsraten sind zweistellig. In Nordamerika isst mittlerweile jeder dritte glutenarm oder -frei – während die Fachleute noch diskutieren, was NCGS genau ist. «Man kann sich da einiges noch nicht erklären», sagt Manuela Deiss, Leiterin der Ernährungsberatung am Kantonsspital Aarau.

Die Diagnose

Mangels eindeutiger medizinischer Befunde ist die Diagnose nur mit einer mindestens sechswöchigen glutenfreien Diät zu stellen, gefolgt vom allmählichen Wiedereinführen glutenhaltiger Lebensmittel. Bessern sich die Symptome mindestens um 30 Prozent und kehren dann zurück, ist das ein starker Hinweis – wobei der Placeboeffekt ein (falsches) Ergebnis vortäuschen kann.

Die Gründe

Über die Gründe der NCGS können die Fachleute bisher nur spekulieren. Vielleicht hat sich unsere Darmflora verändert, eventuell spielen glutenhaltigere Getreidesorten eine Rolle oder auch der breite Einsatz von Gluten als Lebensmittelhilfsstoff. «Dass die Symptome vom Gluten herrühren, ist nur eine Vermutung. Möglicherweise liegt das Problem gar nicht daran, sondern an veränderten Eiweisszusammensetzungen in neuen Weizensorten», sagt Deiss.

Auch bestimmte, kaum verdauliche Kohlenhydrate, sogenannte FODMAPs, könnten vielleicht die wahren Übeltäter sein. Wer eine Glutensensititiviät vermute, rät Deiss, solle zuerst beim Facharzt andere Erkrankungen wie etwa die Zöliakie ausschliessen lassen.


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