Finger weg von meinem Grill!

Die Geschlechterrollen am offenen Feuer sind klar verteilt: Er macht das Fleisch, sie die Beilagen. Ein Rückschritt in die Steinzeit? Kann man so sehen. Wir sehen es anders.

Es ist verwunderlich, was sich in diesen Tagen in helvetischen Gärten, auf Balkonen, öffentlichen Wiesen und an Feuerstellen abspielt. Da ist der moderne Mensch zu bewundern, wie er einen anachronistischen Salto vollführt, und zwar gleich einen doppelten: Zum einen bereitet er sein Essen nicht wie sonst auf dem Induktionsherd, im Edelstahlsteamer oder in der Mikrowelle zu, sondern auf dem offenen Feuer.

Zum anderen vollzieht er eine Trennung der Geschlechterrollen, die an längst vergangene, längst überwundene Zeiten erinnert: Die Männer rotten sich um den Grill, wo sie mit herrischem Habitus Fleischstücke arrangieren, während sie beim Bier über Glutstufen und Garzeiten philosophieren. Frauen halten sich derweil dezent im Hintergrund und bereiten den Salat zu. Sie treten, wenn überhaupt, dann nur auf Zuruf in Erscheinung.

Machtverlust kompensieren

Das Phänomen begeistert auch die Gelehrten. Kulturwissenschaftler erklären sich den Rückschritt in vorzivilisatorische Zeiten als eine Art Trotzreaktion des Mannes auf die Tatsache, dass ihm die Frau inzwischen so ziemlich jeden denkbaren Lebensbereich streitig gemacht hat. Der deutsche Soziologe Sacha Szabo etwa bezeichnet das Grillieren gegenüber der «Welt» als Spiel, in dem sich der Mann «als potenter Ernährer in Szene setzen darf». Im Klartext: Er versucht den gefühlten Machtverlust, den ihm die Emanzipation beschert hat, damit zu kompensieren, dass er sich als Herrscher über Familie, Fleisch und Feuer inszeniert.

Fackelspiesse und Bratkäse

Das klingt einleuchtend, greift aber möglicherweise zu weit. Hat die Geschlechtertrennung am Grill nicht viel eher mit dem Pragmatismus der Frau in der Gegenwart zu tun als mit der Flucht des Mannes in die Urzeit? Um diese These zu erläutern, muss man sich zunächst die mitteleuropäische Grillrealität vor Augen führen. Damit meinen wir nicht die gastrosexuelle Scheinwelt, wie Magazine und Hochglanz-Booklets von Grillherstellern sie uns vorgaukeln. In der Wirklichkeit spielen nämlich nicht Klosterschweine, Schwarzfederhühner und Hereford-Rinder die Hauptrolle, sondern Cervelats, Fackelspiesse und Bratkäse. In der Wirklichkeit erfüllt dicker Rauch die Luft. In der Wirklichkeit purzeln Champignons zwischen die Grillstäbe, während neben lauwarmen Hühnerbeinen die Steaks verkohlen.

Alle sind glücklich

Wen wundert es da noch, dass sich die Frau vornehm zurückhält? Dem Mann den Vortritt lässt, wenn sich dieser im Auge des Sturms die Fackelspiess-Marinade von den Fingern leckt, um ein weiteres Bier öffnen zu können? Oder wenn er – wilde Flüche ausstossend – zum Auto rennt, um an der Tankstelle eine neue Gasflasche zu besorgen? Wir sehen das so: Die meisten Frauen haben berechtigterweise keinen Bock darauf, die schönsten Tage im Jahr in einem Umfeld zu verbringen, das an eine 1.Mai-Demo erinnert. Da machen sie lieber in der kühlen Küche den Salat. Und lassen dem Mann sein Refugium. Unter dem Strich sind alle glücklich. Und das ist es doch, was zählt.

Publiziert am 08.06.2017


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