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Gesünder leben?

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Erfahrungsbericht über eine fünftägige Saftfastenkur und die Versuchungen, die lauern. Oder: Das Winner-Team besteht aus elf Flaschen.

Da stehen sie. Ordentlich aufgereiht. Elf Flaschen. Nein, es handelt sich nicht um meinen Lieblingsfussballclub, dem ich durch all seine Tiefs die Stange halte. Die Flaschen sind mein Winner-Team, das sich zusammensetzt aus verschiedenen Frucht- und Gemüsesäften. Assistiert von Leinsamen und Kräutertee. Die Elf steht bereit, um mich während einer fünftägigen Saftkur zu begleiten.  

Auszeit von schlechten Gewohnheiten

Das Ziel ist, mir Freiraum von meinen schlechten (Ess-)Gewohnheiten zu verschaffen, die sich in mein Leben eingeschlichen haben. Denn lieber liege ich vor dem Bildschirm und nasche Nüsse, Käse und Chips, als auf einem Bein stehend Gedichte auswendig zu lernen. 

Ein Glas Saft pro Mahlzeit

Morgen-, Mittag- und Abendessen werden also die nächsten fünf Tage aus zwei Deziliter Saft bestehen. Ein strikter Plan sorgt dafür, dass keine Gefahr besteht, mich mit mir selbst in Diskussionen zu verstricken. Diese enden üblicherweise mit dem Sieg der schlechten Gewohnheiten.

Tag 1

Anpfiff: Anstatt wie üblich ohne Morgenessen aus dem Haus zu hetzen, braue ich am Morgen gemütlich einen Kräutertee und giesse feierlich zwei Deziliter Saft in ein Prosecco-Glas. Ich proste mir zu und bin mit Hermann Hesse beschwingt: «Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne».

Die Nagelprobe

Am Mittag im Büro folgt die erste Nagelprobe: Während ich in der Kantine zwei Deziliter Saft kredenze und versuche, souveräne Selbstgenügsamkeit auszustrahlen, entdecken meine Kolleginnen und Kollegen urplötzlich ihre Freude am Teilen: «Willst du ein Stück Schokolade?» «Probier’ doch mal diese Pommes!». 

Ich bleibe standhaft und wärme am Abend zur Belohnung zwei Deziliter Tomatensaft als Suppe auf. Ich gönne mir noch drei Blätter Basilikum dazu. Köstlich! Danach bleibt mir Zeit. Ich setze mich hin – und mache gar nichts. Kopf und Körper sind entspannt, die Gedanken frei.

Tag 2

Die Kopfschmerzen kommen über Nacht. Kaffee-Entzug! Das will ich mir nicht antun. Ab sofort ergänzt ein morgendlicher Espresso meinen Saftladen. Ansonsten halte ich durch und bin stolz auf mich. Die Kantine über Mittag ist einem ausgedehnten Spaziergang an der frischen Luft gewichen. Trotzdem macht sich Mattigkeit breit. Manchmal fühle ich mich, als sei mir der leere Magen in den Kopf gestiegen.

Tag 3

Halbzeit: Das Saft-Ritual hat sich eingespielt, ich zelebriere es mit Andacht, fühle heute zum ersten Mal Energie strömen, könnte Bäume ausreissen. Der Schock kommt, als mir mein eigener Atem entgegenschlägt: Die Drohung auf der Kräutertee-Packung («kann schlechten Atem verursachen») hat sich bewahrheitet. Ab sofort ergänzen Fisherman’s Friend meine täglichen Säfte. Nicht nur mein übler Atem schränkt meine Sozialkontakte ein, ich verzichte während der Safttage auch darauf, mich mit Freunden zu treffen. Gegenüber Verführungen beim Apéro ist mein Fleisch einfach zu schwach.

Tage 4 und 5

Die nächsten beiden Tage verlaufen ohne Versuchungen. Ich habe das Gefühl, dass ich mich ewig von Säften ernähren könnte. Was aus ernährungswissenschaftlicher Sicht natürlich nicht zu empfehlen ist. Ich nutze meine Energie und Zeit, und praktiziere neu abends vor dem Schlafen eine halbe Stunde Yoga.

Meine Lieblingsposition wird der Kopfstand. Am Anfang wollte er mir nicht gelingen, inzwischen ist er eine Wohltat. Er versinnbildlicht am besten, was mir die Saftkur gebracht hat: aus den eigenen Gewohnheiten auszubrechen, um Raum für Neues zu schaffen.

PS: Seit Ende der Kur habe ich natürlich Nüssen & Co. wieder gefrönt. Geblieben sind mir aber die Spaziergänge, Yoga und die Vorfreude auf die nächste Saftkur.


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