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Gesünder leben?

Magersucht: Der Kampf um jedes Gramm

Ein paar Kilos weniger – das wünschen sich viele Teenager. Manche führt der Wunsch in die Magersucht. Bilder von Gleichgesinnten im Internet erhöhen den Druck. Zwei junge Frauen erzählen, wie sie in eine Essstörung geschlittert sind und wie ihr Weg aus der Krankheit aussieht.

Lynn Winzenried war schon immer sehr schlank. Doch in der Pubertät, als die Welt plötzlich so viele Erwartungen an sie stellte, denen sie sich nicht gewachsen fühlte, begann sie weniger zu essen. «Ich genoss die vollständige Kontrolle über einen Bereich meines Lebens», sagt die heute 26-Jährige. Zwölf Jahre alt war sie damals – und schlitterte geradewegs in die Magersucht.

Wer ist betroffen?

Laut Studien hat sich der Beginn von Essstörungen nach vorne verschoben. 13 oder 14 Jahre alt sind viele der Betroffenen – meistens Mädchen –, wenn sie Dagmar Pauli (56) das erste Mal aufsuchen. Pauli ist Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Immer häufiger behandeln wir aber auch neun- oder zehnjährige Mädchen», so die Spezialistin für Essstörungen.

Lynn verzichtete damals zunächst auf Zwischenmahlzeiten. Dann liess sie Kohlenhydrate beim Zmittag in der Schule weg, irgendwann die ganze Mahlzeit. Abends verkleinerte sie nur langsam die Portionen – so fiel das den Eltern anfangs nicht auf. Fragen der Mutter, ob sie abgenommen habe, lächelte das Mädchen weg.

Wie erkennt man eine Essstörung?

Tatsächlich ist der Übergang von «es ist nur eine Phase» zu «unser Kind ist krank» für Eltern schwer zu erkennen. Ist es schon bedenklich, wenn eine Elfjährige jammert: «Ich bin viel zu dick!»? «Nein, das sind normale pubertäre Selbstzweifel», sagt Pauli. Auch wenn das Kind verkünde, ab sofort nur noch Salat essen zu wollen, sei dies keine Essstörung – aber es könne ein Einstieg sein. «Viele Mädchen haben diese Gedanken, doch nur wenige sind konsequent in ihrem Tun. Hält das überregulierte Essen jedoch länger als zwei Wochen an, würde ich hellhörig werden, und zwar unabhängig vom Ausgangsgewicht», erklärt Pauli, «denn extrem schnell entsteht daraus eine Abwärtsspirale.»

Was tun bei Verdacht auf eine Magersucht?

Formen von Essstörungen
  • Magersucht (Anorexie): Untergewicht, verzerrte Körperwahr­nehmung, die gefährlichste Essstörung; bei unter 18-Jährigen am meisten verbreitet.
  • Bulimie: Essattacken, gefolgt von Erbrechen; eher bei jungen Erwachsenen.
  • Binge Eating: Masslose Essattacken.

Es gibt auch viele Mischformen ohne klare Abgrenzung.

Gefährlich wird es auch, wenn Essen das ganze Denken und Fühlen des Kindes bestimmt, es nicht mehr ansprechbar ist und rasch mehrere Kilo abnimmt. «Haben Eltern einen Verdacht, sollten sie beherzt eingreifen», rät Pauli: das Gespräch suchen und klare Richtlinien vorgeben. Etwa: «Wir machen uns Sorgen, du hast sehr schnell abgenommen, das kann eine Essstörung werden. Wir essen jetzt gemeinsam.» Fruchte dies nicht sofort, müsse eine Fachperson hinzugezogen werden.

Als Lynns Eltern klar wurde, wie es um ihre Tochter stand, wandten sie sich an eine Fachstelle, Lynn begann eine ambulante Therapie. «Ich fands abwegig», sagt die junge Frau heute. «Ich magersüchtig? Nie im Leben!» Tatsächlich ist Magersucht – oder Anorexie, wie der Fachbegriff heisst – die unter jungen Frauen meistverbreitete Essstörung (siehe Box). Gleichzeitig ist sie auch die gefährlichste, weil sie schnell lebensbedrohlich wird. Das Fatale: Betroffene nehmen sich trotz extremem Untergewicht als zu dick wahr. (Lesen Sie unten weiter ...)

Mehr zu Untergewicht und möglichen Folgen

Die Therapie

Lynn Winzenried, damals und heute
Lynn Winzenried, damals und heute

Lynn Winzenried als magersüchtige Teenagerin und heute mit Normalgewicht. Ihre Erfahrungen mit Essstörungen sind die Grundlage für ihre Tätigkeit als Coach.

Lynn wog trotz Therapie bald nur noch 36 Kilo und kam kurz vor ihrem 13. Geburtstag für sechs Monate in eine Klinik. Dort musste sie unter Aufsicht essen und 500 Gramm pro Woche zunehmen. Zeitweise wurde sie per Sonde ernährt. Am Ende des Klinikaufenthalts ging es ihr noch schlechter. Als sie wieder zu Hause war, wechselten sich die Eltern ab: Einer von ihnen sass jeweils mit Lynn am Tisch, der andere mit der jüngeren Schwester; über Mittag kam der Vater zu Lynn in die Schule. Eine neue, ambulante Therapie half dem Mädchen schliesslich, auf ihre Zukunft zu fokussieren statt auf die Krankheit.

Blogs von Anorexie-Betroffenen

Auch Mara wollte mit 13 «ein bisschen abnehmen». Als sie nach zwei Wochen Diät Fotos von sich im Internet postete, reagierten Freunde entzückt: «Wow, hast du abgenommen? Du siehst mega hübsch aus!». «Das tat so gut», erzählt die Schülerin, die anonym bleiben möchte und in Wirklichkeit anders heisst. Sie machte weiter und stiess auf sogenannte Pro-Ana-Gruppen im Netz: Blogs, auf denen sich von Anorexie Betroffene gegenseitig anspornen, noch dünner zu werden. Mara musste ein Foto von sich schicken und ihr Zielgewicht nennen, auf das sie hin hungerte – dann durfte sie einer Gruppe beitreten. «Plötzlich hatte ich lauter neue Freundinnen», erzählt die heute 15-Jährige, «das war toll.»

Nebenwirkungen des Gewichtsverlusts

Doch Anforderungen und Druck sind hoch. Jeden Abend müssen die Mädchen sich wiegen und auflisten, was sie gegessen haben. Die «Anas», wie sie sich nennen, stehen in ständigem Austausch. Alles dreht sich um Gewichtsverlust. «Leichter geworden zu sein, ist ein tolles Gefühl», sagt Mara. «Die Ziffern auf der Waage sind eine klare Bestätigung, wie gute Schulnoten.» Doch die Nebenwirkungen liessen sich nicht lange verheimlichen: Mara fror ständig, hatte blaue Hände, Haare fielen ihr aus.

Übertriebene Schlankheitsideale

«Mädchen mit einer Anorexie lassen sich von Pro-Ana-Gruppen im Netz stark beeinflussen», weiss Dagmar Pauli. «Manche Patientinnen sehen die Infos von Pro-Ana-Seiten als Bestätigung für ihre Essstörung und versperren sich der Therapie.» Aber auch anderen Jugendlichen machen übertriebene Schlankheitsideale zu schaffen: «Lebten wir nicht in einer Gesellschaft mit völlig verzerrtem Körperbild, wären Kinder nicht so anfällig», so Pauli. Junge Menschen brauchen heute viel Selbstbewusstsein, um sich von Influencerinnen auf Instagram oder Modelshows am Fernsehen nicht verunsichern zu lassen. «Dieser Einfluss allein reicht nicht, um Essstörungen zu entwickeln», so die Expertin, «aber er ist der Nährboden.» Ergänzend wirken individuelle Anlagen wie Perfektionismus, hohe Ansprüche an sich selbst oder ein niedriges Selbstwertgefühl.

Lynn Winzenried
Heute weiss ich: Essen ist bei mir Emotionsregulierung. Aber ich kann damit umgehen.
Lynn Winzenried

Bei Gewichtsverlust rasch handeln

Tipps für Eltern

Dagmar Pauli (56), Chef­ärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychi­atrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, empfiehlt:

Vorbeugen: Kinder brauchen beim Essen gute Vorbilder. Also nicht ständig Kalorien zählen oder thematisieren, was dick macht. Ausserdem das Selbstwertgefühl des Kindes stärken: ­betonen, dass es liebenswert ist und viele Stärken hat. Dass nicht nur das Äussere zählt oder bestimmte Leistungen, sondern das Kind an sich.

Haben Eltern einen Verdacht, ist der Kinder­arzt erste Anlaufstelle, um abzuklären, ob es sich um eine Essstörung handelt. Ist dies bereits klar: sich gezielt an Fachstellen wenden, Adressen gibt es über die Schweizer Gesellschaft für Essstörungen SGES.

Therapie: Bei unter 16-Jährigen sollten Eltern Teil der Behandlung sein – nicht, weil diese schuld wären, sondern weil sie die wichtigsten Bezugspersonen und beim Essen dabei sind.

BuchtippDagmar Pauli: «Size Zero: Essstörungen verstehen, erkennen und behandeln»

Mara ist gerade zurück von einem stationären Aufenthalt in einer Klinik, ihrem zweiten. Die 15-Jährige hat das erforderliche Gewicht erreicht, ihr Pro-Ana-Blog ist gelöscht, doch Mahlzeiten sind noch immer ein Kampf.

«Ohne eigene Motivation ist keine Veränderung möglich», sagt Lynn Winzenried, die heute Trainerin für Essvertrauen und Körperbewusstsein ist. Erst seit vier Jahren empfindet sie Essen nicht mehr als Stress. Nach überwundener Magersucht kämpfte sie mit Binge Eating, Bulimie und sämtlichen Mischformen von Essstörungen. «Heute weiss ich: Essen ist bei mir Emotionsregulierung. Aber ich kann damit umgehen.»

Eltern sind an Essstörungen nicht schuld, sondern eine wichtige Kraft im Kampf gegen die Krankheit», betont Dagmar Pauli. An ihnen liege es, möglichst früh zu handeln (siehe Box). «Es ist besser, bei minus vier Kilo zum Arzt zu gehen als bei minus zwölf.»

Kontakt:

Lynn Winzenried, Coach für Essvertrauen und Körperbewusstsein

www.essvertrauen.ch

von Kristina Reiss,

veröffentlicht am 13.05.2020

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