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Gesünder leben?

«Rückenschmerzen kommen und gehen wie Schnupfen»

Wenn der Rücken weh tut und man sich plötzlich nicht mehr bewegen kann, bekommen es viele mit der Angst zu tun. Doch meistens steckt nichts Schlimmes dahinter, sagt Physiotherapie-Professor Hannu Luomajoki.

Eine einzige falsche Bewegung – und plötzlich zieht und schmerzt es im Rücken. Sollte man sich nun schonen?

Hannu Luomajoki: Nein, auf keinen Fall. Viel besser ist es, wenn man versucht, sich trotz Schmerzen normal zu verhalten: Herumgehen, leichte Haushaltsarbeiten erledigen und wenn möglich sogar arbeiten. Selbst wer sich am Arbeitsplatz krankgemeldet hat, sollte höchstens drei Tage im Bett liegen und zwischendurch immer mal wieder aufstehen. Sonst besteht das Risiko, dass sich die Beschwerden verschlimmern.

Darf man Schmerzmedikamente einnehmen?

Rezeptfreie Medikamente wie etwa Panadol oder Dafalgan haben eine sehr geringe Wirkung bei Rückenschmerzen. In verschiedenen Studien haben sie nicht besser abgeschnitten als Placebos (Schein-Medikamente). Nur entzündungshemmende Mittel – zum Beispiel Voltaren oder Ponstan – haben sich als leicht besser erwiesen. Diese sind aber rezeptpflichtig. Man müsste also vorher einen Arzt konsultieren.

Sollte man bei Rückenbeschwerden nicht sowieso zum Arzt?

Nicht unbedingt. Denn Ärzte können meist nicht viel ausrichten. Bei 90 Prozent der Betroffenen heilen die Beschwerden nach einer bis drei Wochen von selber wieder ab. Rückenschmerzen sind wie Schnupfen: Sie kommen und gehen wie von selbst. Man kann höchstens die Heilung ein wenig unterstützen – zum Beispiel mit Übungen oder moderater Bewegung, aber eine eigentliche wirksame Behandlung gibt es nicht.

Aber ein Arzt könnte doch immerhin ein Röntgenbild oder ein MRI machen, um herauszufinden, woher die Schmerzen kommen. Vielleicht handelt es sich ja um etwas Schlimmes – etwa einen Bandscheibenvorfall oder gar einen Tumor.

Ein MRI wird leider viel zu häufig gemacht – oft auch auf Druck der Betroffenen. Diese Untersuchung macht gesunde Menschen zu Patienten. Denn bereits im Alter von 40 Jahren findet man bei jeder zweiten Person etwas Sichtbares, zum Beispiel einen Bandscheibenschaden. Dies muss aber noch lange nicht die Ursache der Beschwerden sein. Es gibt Menschen, die leben jahrelang mit relativ deutlichen Auffälligkeiten, ohne etwas davon zu spüren. Gerade der Bandscheibenvorfall – in der Fachsprache Diskushernie – gehört zu den unspezifischen Diagnosen. Sobald man einen Befund vor Augen hat, fühlt man sich krank und glaubt, der Rücken sei nun kaputt. Dies kann eine Negativspirale in Gang setzen.

Also auch bei starken Schmerzen besser gar nicht zum Arzt gehen?

Wenn die Schmerzen nach zwei Wochen immer noch anhalten, sollte man sich untersuchen lassen. Und bei Symptomen wie Lähmungserscheinungen in den Armen oder Beinen, Taubheitsgefühl oder plötzlicher Inkontinenz muss man sofort zum Arzt gehen. Nur bei etwa 5 bis 10 Prozent der Betroffenen findet man eine direkte körperliche Ursache für die Beschwerden.

Zum Beispiel?

Etwa eine Irritation der Ischias-Nervenwurzel. Bei älteren Menschen kann auch eine Spinalkanalstenose zu Schmerzen, gebückter Haltung und Einschränkungen beim Gehen führen. Dabei handelt es sich um eine Verengung im Durchgang, wo die Spinalnerven seitlich zwischen den Wirbelkörpern hervortreten. Weitere Ursachen sind Brüche in den Wirbelkörpern – oft infolge eines Unfalls oder Osteoporose – oder Entzündungen.

(Fortsetzung weiter unten…)

Alles was Sie über Rückenbeschwerden wissen müssen

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Muss man dann operieren?

Bei einer klaren Diagnose kann eine Operation tatsächlich sinnvoll sein. Ich rate aber dazu, vorher eine Zweitmeinung einzuholen. Studien haben gezeigt, dass in der Schweiz bis zu 30 Prozent der medizinischen Behandlungen überflüssig sind. Besonders gefährdet sind Privatversicherte, weil sie finanziell interessant sind. Bei der Operation der Spinalkanalstenose – der häufigste Eingriff am Rücken – haben Forschende häufig keinen Unterschied zur physiotherapeutischen Behandlung festgestellt.

Was genau ist eigentlich ein Hexenschuss?

Auch dies ist nicht klar definiert. Weil die Schmerzen so plötzlich auftreten, fühlt es sich so an, wie wenn eine Hexe in den Rücken geschossen hätte – in der Fachsprache Lumbago. Die Ursache kann eine Überdehnung der Muskeln oder Sehnen sein oder ein kleiner Riss. Das zentrale Nervensystem aktiviert dann eine starke Spannung, um die Stelle zu schützen. Deshalb ist man für einige Tage sehr unbeweglich.

Sind Rückenbeschwerden abhängig von der Jahreszeit?

Im Winter treten sie etwas häufiger auf. Das kann damit zu tun haben, dass sich bei Kälte die Muskeln anspannen und wir Schmerzen generell stärker wahrnehmen. Und viele bewegen sich dann auch weniger.

Rückenschmerzen sind wohl bei Personen, die körperlich hart arbeiten, besonders verbreitet? Und auch in sitzenden Berufen?

Sie sind generell sehr häufig. Würde man an einem Bahnhof herumfragen, könnten wohl fast alle von Schmerzen im unteren Rücken in den letzten zwei Jahren berichten. Besonders gross ist das Risiko bei Feuerwehrleuten, Waldarbeitern und Pflegefachpersonen. Denn in diesen Berufen kommen körperliche Belastungen und Stress zusammen.

Die Psyche spielt also auch eine Rolle?

Psychische Probleme wie etwa Depressionen sind zwar keine direkten Ursachen für Rückenbeschwerden. Doch es gibt wohl einen gemeinsamen Hintergrund. Zum Beispiel weiss man, dass beides bei wenig gebildeten Personen häufiger vorkommt. Das hat wohl auch damit zu tun, dass sie sich weniger bewegen, schlechter ernähren, häufiger übergewichtig sind und über weniger Kompetenzen der Selbstwirksamkeit verfügen. Das heisst: Sie spüren sich selber weniger gut und sind eher ängstlich. Wer jedoch daran glaubt, schwierige Situationen meistern zu können, ist generell weniger krankheitsanfällig.

von Andrea Söldi,

veröffentlicht am 15.09.2020

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