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Gesünder leben?

So funktioniert unser Verdauungsorgan

Der Darm ist ein raffiniertes Wunderwerk der Natur. Er verdaut nicht nur Nahrung, sondern hat auch grossen Einfluss auf unser Wohlbefinden.

Während Sie diesen Artikel lesen, dazu vielleicht ein Gipfeli knuspern und einen Milchkaffee trinken, vollzieht sich in Ihrem Körper ein Wunder: Milliarden von Zellen, Rezeptoren und eine schier unüberschaubare Armada von Bakterien sind ohne Ihr bewusstes Zutun damit beschäftigt, aus dem, was Sie in den letzten Stunden gegessen haben, das herauszuholen, was Sie brauchen, und das unschädlich zu machen, was Sie krank machen könnte. In perfektem Zusammenspiel, rund um die Uhr, Tag für Tag.

Der Darm ist ein Superstar

Die Beteiligten dieses hochkomplexen Vorgangs, den wir despektierlich schlicht Verdauung nennen, scheinen uns kaum der Beachtung wert. Allenfalls halten wir den Magen für den entscheidenden Player und verkennen dabei, dass der eigentliche Star der Darm ist.

Und ob! Ein Superstar sogar. Mit seiner Arbeit steht und fällt unser gesamtes Wohlbefinden. Auch unsere Immunabwehr, die Neigung zu Allergien oder Unverträglichkeiten, Aussehen und Körpergewicht, ja selbst unsere Gemütslage werden massgeblich von ihm beeinflusst.

Rund sieben Kilometer Darm

Völlig zu Unrecht gilt er als Schmuddelkind, das man weitgehend sich selbst überlässt. In Wahrheit verdient er liebevolle Pflege – und eigentlich auch ein Denkmal.

Um zu verstehen, was dieses unterschätzte Organ so bedeutsam für unsere Gesundheit macht und wie wir ihm helfen können, optimal zu funktionieren, lohnt sich der Blick auf seine tägliche Arbeit.

Da ist der Dünndarm mit seinen drei bis sechs Metern Länge, der geschlungen in der Bauchhöhle liegt. Er hat eine Verdauungsfläche von fast 200 Quadratmetern, platzsparend in dichte Falten gelegt, die mit winzigen Ausstülpungen, sogenannten Zotten, besetzt sind: Dreissig Stück auf jedem Quadratmillimeter.

Auf diesen wiederum sitzen Tausende noch winzigere Zotten. Glatt gestrichen wäre der Dünndarm fast sieben Kilometer lang – ein Kunstwerk maximaler Effektivität.

Milliarden Zellen sind auf dieser gewaltigen Fläche damit befasst, in der Nahrung Nährstoffe zu identifizieren, sie mithilfe von Enzymen in ihre chemischen Bestandteile zu zerlegen und an den Organismus weiterzugeben.

Unterdessen schiebt der Dünndarm den Nahrungsbrei Stück für Stück weiter, was umso besser klappt, je mehr Ballaststoffe sich darin befinden.

Ballaststoffe sind ein Segen

«Was wie unnötiger Ballast klingt, ist in Wirklichkeit ein Segen», sagt die Ernährungswissenschaftlerin Marianne Botta Diener. «Denn die Nahrungsfasern, die zum Beispiel in Vollkornbrot, Obst, Gemüse oder Hülsenfrüchten stecken, quellen im Verdauungstrakt auf und regen den Darm so zu mehr Bewegung an.

Das erleichtert den Stuhlgang und mindert das Risiko für Hämorrhoiden, vorausgesetzt, man nimmt genug Flüssigkeit zu sich.»

Zahlreiche Studien belegen, dass eine faserreiche Ernährung ausserdem das Risiko für Darm- und vermutlich auch für Magenkrebs senkt, den Blutdruck und den Cholesterinspiegel verbessert.

Und es gibt noch einen guten Grund, Ballaststoffe in den Speiseplan einzubauen: Sie sind Futter für Mikroorganismen, die zu Billionen in friedlicher Koexistenz unseren Dickdarm bevölkern, der nächsten Station unserer Nahrung.

Jenes Heer dienstbarer Geister also, welches mit penibler Gründlichkeit auch noch das letzte bisschen Nährstoff aus dem bisher Verdauten holt und ganz nebenbei Vitamine, Antikörper und diverse Botenstoffe produziert, die für uns überlebenswichtig sind.

Ständig muss der Darm dabei zwischen Nahrung und potenziell Schädlichem unterscheiden. Kein Wunder also, dass rund 80 Prozent der Immunzellen im Darm sitzen, unserer grössten Kontaktfläche mit der Aussenwelt, wo sie lernen, mit gefährlichen Zellen fertig zu werden.

Milliarden von Mikroorganismen

Die Darmbakterien sind dabei Trainer und Helfer zugleich. Im Darm eines Erwachsenen leben rund 1600-mal mehr Mikroorganismen, als es Menschen auf der Erde gibt. Ihre Zusammensetzung ist derart vielfältig und wandelbar, dass jeder Mensch seine ganz eigene, individuelle Darmflora besitzt, so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.

Sie entwickelt sich gleich in den ersten Minuten nach der Geburt, wächst und verändert sich, bis sich nach etwa drei Jahren ein relativ stabiles Ökosystem einpendelt. Je nachdem, was wir essen und welchen Keimen wir ausgesetzt sind, besiedeln andere Bakterien unseren Verdauungstrakt.

Spiegel der Psyche

Auch die Psyche hat Einfluss auf die Zusammensetzung unserer Bakteriengesellschaft. So hinterlassen sowohl positive als auch schmerzliche Erlebnisse in der Kindheit Spuren im Darm.

Wir gehen also bereits mit einer bakteriellen Grundkonstitution ins Erwachsenendasein, doch die Darmflora kann sich im Laufe des Lebens noch verändern.

«Das erklärt möglicherweise, warum wir manche Nahrungsmittel mit dem Älterwerden nicht mehr so gut vertragen», meint David Fäh, Mediziner am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. «Blähungen, Unwohlsein oder Verstopfung können ein Signal dafür sein, dass wir etwas an unserer Ernährung verändern sollten.»

Wo gute Bakterien enthalten sind

Tatsächlich lässt sich unsere Mikrobenlandschaft gezielt beeinflussen: durch Nahrungsmittel, die das Wachstum guter Bakterien fördern, die dann die schädlichen in Schach halten.

Dazu gehören etwa Kartoffeln, Schwarzwurzeln, Chicorée, Spargeln, Topinambur, Lauch, Zwiebeln, Knoblauch, Joghurt, Rüebli oder Kiwis. Denn sie enthalten sogenannte Präbiotika – Ballaststoffe, von denen sich nur die guten Mikroben wie Bifidobakterien oder Laktobazillen ernähren.

So züchten wir uns ein Milieu, das für Wohlbefinden sorgt. Wer sich bisher hauptsächlich von Weissbrot, Nudeln, Kuchen und Pizza ernährt hat, sollte die Ballaststoffmenge allerdings nur langsam steigern, damit sich die Darmflora allmählich umstellen kann.

Im Versuch, die komplizierten Vorgänge der Verdauung zu verstehen, ist die Wissenschaft noch ganz am Anfang. Vieles lässt sich bisher nur konstatieren, aber nicht erklären. Zum Beispiel, dass der Darm und seine Bewohner offensichtlich auch einen gewaltigen Einfluss auf unser Gefühlsleben und sogar auf unsere vermeintlich so rationalen Entscheidungen haben.

Tatsächlich führen mehr Nervenstränge von der Körpermitte ins Gehirn als umgekehrt. Was das genau bedeutet und wie dieses Zusammenspiel funktioniert, ist noch völlig unklar.

Ausser Frage steht hingegen das Fazit, das sich aus allen bisherigen Erkenntnissen ergibt: Wer gesund sein und sich wohlfühlen will, tut gut daran, seinen Darm in Ehren zu halten und ihm die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient.


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