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Gesünder leben?

Wieso das starke Geschlecht schwächer ist

Fast überall auf der Welt weisen Männer eine niedrigere Lebenserwartung als Frauen auf. Das sogenannt starke Geschlecht ernährt sich nicht nur ungesünder und lebt risikoreicher. Männer sind auch anfälliger für zahlreiche Krankheiten. Schuld am ganzen Übel ist nicht selten ein Hormon.

Auch wenn sich die Lebenswelten von Männern und Frauen in vielerlei Beziehung angleichen: Ein grosser Unterschied besteht nach wie vor beim gesundheitlichen Verhalten, wie unterschiedlichste Studien belegen. Kurz zusammengefasst: Frauen achten mehr auf eine abwechslungsreiche Ernährung, ebenso auf bewusste Bewegung und legen mehr Wert auf ärztliche Vorsorge. Und wenn sie einmal krank sind, halten sie die Ratschläge der Ärzte genauer ein.

Männer dagegen rauchen und trinken mehr und gehen grössere Risiken (Autofahren, Sport) ein. Sie konsumieren weniger Gemüse sowie Früchte und sind häufiger übergewichtig.

Männer fühlen sich gesünder

Fühlen Sie sich gesund? Diese Frage wird in Umfragen stets von einem höheren Anteil von Männern als Frauen mit Ja beantwortet. Ob die Antwort auch objektiv gesehen zutrifft, steht hingegen auf einem anderen Blatt.

Denn der Begriff des «Sich-Gesundfühlens» beinhaltet eine stark subjektive Komponente. Viele Frauen setzen Gesundheit mit einem optimalen Mass an psychischem und körperlichem Wohlbefinden gleich. Demgegenüber hat Gesundheit aus der Optik von Männern mehr mit reinem Funktionieren zu tun. So nach dem Motto «Wenn ich arbeiten kann, bin ich auch gesund.»

Männer nehmen Gesundheitsprobleme zudem weniger stark als solche wahr und sprechen auch nicht gerne darüber. Wissenschaftler führen die Unterschiede auf ein anderes Rollenverhalten zurück. Männer müssen stark sein, dürfen keine Schwäche zeigen. Indianer kennen schliesslich auch keinen Schmerz.

Wenig Gehör für Ratschläge

Ein Grund liegt womöglich darin, dass viele Männer von Ernährungsempfehlungen von Fachstellen schlichtweg nichts wissen wollen. Laut dem aktuellsten Schweizer Ernährungsbericht (2016) handelt es sich vor allem um jüngere männliche Personen, erst recht um solche mit einem niedrigeren Bildungsstand, die sich häufig um Ratschläge foutierten. Sowohl das Ernährungsbewusstsein wie auch das Ernährungswissen liessen in diesen Kreisen stark zu wünschen übrig. Das mangelnde Interesse bei Männern für gesundheitsrelevante Aspekte wird von Fachleuten teilweise aber auch damit begründet, dass sich die Werbung in Sachen Ernährung und Gesundheit viel stärker an Frauen richte und vor allem deren Bedürfnisse anspreche.

Einfluss der Biologie

Dass Männer in fast allen Ländern eine niedrigere Lebenserwartung als Frauen haben, lässt sich aber nicht allein mit dem unterschiedlichen Verhalten und einem unterschiedlich grossen Wissensstand erklären. Eine wichtige Rolle scheint auch die Biologie zu spielen. Dass Männer von vielen Infektionskrankheiten stärker betroffen sind, wird letztlich auf ihr weniger schlagkräftiges Abwehrsystem zurückgeführt.

Einfluss des Sexualhormons

Einen Strich durch die Rechnung macht den Männern vermutlich das Sexualhormon Testosteron, indem es die Immunreaktion teilweise unterdrückt. Ein mögliches Indiz für diese These: Forscher aus Korea konnten nachweisen, dass Eunuchen im 16. bis 18. Jahrhundert deutlich länger lebten als nicht kastrierte Männer. Auch der männliche Hang zum grösseren Risiko bringen Wissenschaftler teilweise mit dem Testosteron in Verbindung. (lesen Sie unten weiter...)

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Der Vorsprung schmilzt

Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer, doch der Vorsprung schmilzt. Beim Geburtsjahr 1960 lag die Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern noch rund sechs Jahre auseinander. Heute sind es nur noch gut vier. Wer 2016 in der Schweiz geboren wurde, kann als Mann mit einer Lebenserwartung von 81,5 Jahren und als Frau mit 853 Jahren rechnen. Die Unterschiede werden geringer, weil sich Geschlechterrollen und -verhalten vermehrt angeglichen haben, beispielsweise beim Konsum von Genussmitteln.

Nicht unwichtig: Ein X oder zwei X

Die Natur meint es auch besser mit den Frauen, weil diese zwei X-Chromosomen besitzen, während sich die Männer mit einem begnügen müssen. Forscher vermuten, dass Frauen allfällige Defekte beim einen Chromosom durch das andere ausgleichen können und sie deshalb vor Krankheiten besser geschützt sind. Bereits im Säuglingsalter ist die Sterblichkeit der Mädchen geringer als bei Jungen.

Und nicht zuletzt könnte auch eine Rolle spielen, dass der soziale Wert einer Frau bis heute mehr von ihrem Aussehen abhängt als bei Männern. Männer können sich anders gesagt eher erlauben, sich «gehen zu lassen». Oder sie tun es einfach.

Auch eine Frage des Zivilstands

Wie gesund ein Mann ist respektive auf gesundheitliches Verhalten Wert legt, scheint auch eine Frage des Zivilstands zu sein. Viele Männer vernachlässigen ihre Gesundheit schnell einmal, wenn sie ihre Frau durch Tod oder Scheidung verloren haben, wie aus einer in Kalifornien vorgestellten Studie mit über 30 000 Betroffenen hervorgeht. Verwitwete oder geschiedene Männer würden erheblich ungesünder essen und verstärkt zu exzessivem Trinken neigen.

Im umgekehrten Sinne wird das Fazit gezogen, dass verheiratete Männer sowohl beim Essverhalten wie auch beim Einhalten von Arztbesuchen disziplinierter sind. Oder man(n) kann es auch so sagen: Frauen scheinen einen überdurchschnittlich guten Einfluss auf Männer zu haben, wenn sie mit ihnen verheiratet sind.

Publiziert am 10.11.2017,

von Markus Sutter


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