Nahrung fürs Gemüt

Auf Stress und negative Gefühle reagieren viele mit Heisshunger. Häufige Folge: Übergewicht. Doch für Frustesser gibt es Hilfe.

Wieder mal Streit mit dem Chef gehabt? Wie gut, dass für solche Notsituationen immer eine Tafel Schokolade in der Schreibtischschublade liegt. Schon während das erste Stück im Mund schmilzt, beruhigt sich das Gemüt, die Aufregung legt sich, Puls und Blutdruck sinken. Und schon ist die ganze Tafel weg.

Untersuchungen zeigen, dass bis zu 30 Prozent der Bevölkerung dazu neigen, in emotional belastenden Situationen mehr zu essen – vor allem süsse und fettreiche Nahrung. Offenbar erhöhen fett- und zuckerhaltige Nahrungsmittel die Ausschüttung angstlösender und stimmungsaufhellender Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin, die das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren. Das Gleiche soll auch für Salz gelten. «So liesse sich erklären, warum es uns bei Angst oder Wut nicht nach Gurken und Rüebli gelüstet, sondern nach Chips und Schokolade, Pizza und Hamburgern», sagt der Psychologe Michael Macht, der an der Universität Würzburg den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Essverhalten erforscht. 

Frustessen macht süchtig

Schokolade schlägt Apfel

In einer 2006 publizierten Studie untersuchten Psychologe Michael Macht und seine Kollegin Dorothee Dettmer die Gefühle, die bei gesunden, normalgewichtigen Frauen auftraten, nachdem sie einen Apfel oder einen Schokoriegel gegessen hatten. Beides reduzierte das Hungergefühl, verbesserte die Laune und sorgte für verstärkte Aktivität. Der Effekt der Schokolade war dabei stärker als jener des Apfels, allerdings mischte sich zu den positiven Emotionen bei den Schokoladeesserinnen auch ein negatives Gefühl: Schuld.

Weil Substanzen, die in unserem Körper Dopamin freisetzen, häufig zu Suchtverhalten führen, kann Frustessen süchtig machen. Wird Nahrungsaufnahme zur Ersatzbefriedigung, dann verlieren die Betroffenen das Gefühl dafür, ob sie hungrig oder satt sind, ob ihr Appetit körperliche oder seelische Ursachen hat. Eine Folge ist oft Übergewicht. Das kann den psychischen Leidensdruck erhöhen und das Problem noch verstärken. Die Grenzen zwischen emotionalem Essverhalten und Essstörungen sind daher fliessend.

Ist emotionales Essverhalten schuld an den überflüssigen Kilos, bringen Diäten nichts. «Das eigentliche Problem bekommt man damit nicht in den Griff», betont Psychologe M. Macht. Es ergibt langfristig keinen Sinn, bei Frust und Ärger einen Obstsalat zu essen statt Gummibärchen. Die Patienten müssen vielmehr lernen, auf Signale ihres Körpers zu achten und Stress und negative Emotionen anders zu bewältigen als durch Essen.

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Essgelüste? Ablenken!

Zusammen mit seinem Team hat Michael Macht ein Programm entwickelt, das Betroffenen helfen soll, ein besseres Gespür für sich und ihr Essverhalten zu entwickeln. Sie üben etwa, Hunger von Appetit oder Sättigung zu unterscheiden und alternative Strategien im Umgang mit diesen Empfindungen zu entwickeln. «Die Patienten trainieren, den Impuls zum Essen wahrzunehmen – ohne ihm nachzugeben», erklärt Macht. Stattdessen suchen sie nach anderen Möglichkeiten, mit belastenden Gefühlen fertigzuwerden. Zum Beispiel lenken sie sich ab, indem sie bei plötzlich auftretenden Essgelüsten jemanden anrufen.

von Barbara Kandler-Schmitt


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