Die Gene der Neandertaler haben Folgen für uns

Viele Keime, mit denen wir heute kämpfen, plagten bereits die Neandertaler. Die Abwehr dagegen wirkt heute noch in uns.

Dass Neandertaler und Ötzi unser Wissen über die Erkrankungen heutiger Menschen bereichern könnten, galt noch vor wenigen Jahren als verrückte Idee. Der Mann aus dem Eis wurde vor 5300 Jahren ermordet, doch 1991 unversehrt und vollständig erhalten entdeckt. Spuren seiner väterlichen ­Linie finden sich bis heute in den Genen einiger Europäer.

Spuren der Neandertaler in uns allen

Auch die Neandertaler haben Spuren im Erbgut aller heute lebenden Nicht-Afrikaner hinterlassen. Mumien allerdings wurden bis anhin noch nicht gefunden; von den Neandertalern blieben nur viele Knochen und Zähne übrig. Und die sind mindestens 40 000 Jahre alt, denn damals starb dieser Urmensch aus, verdrängt vom modernen Menschen. Doch Erbgut von Toten kann bei günstigen Bedingungen sehr lange überdauern.

Wir bestehen aus vier Prozent Neandertaler

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Das nutzte im Jahr 2010 ein Team des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig: Es gelang den Forschern, das Neandertaler-Erbgut grösstenteils zu entschlüsseln. Die eigentliche Sensation ergab sich aus dem Vergleich mit unserem heutigen Erbgut: Zwei bis vier Prozent davon stammen von den Neandertalern.

Grosse Bereiche unseres Erbguts sind nahezu frei von Neandertaler-Einflüssen. Dafür häufen sie sich an anderen Stellen. Und diese Stellen untersuchen Spezia­listen, seitdem das Neandertaler-Erbgut vorliegt. Zum Beispiel Dr. Michael Dannemann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie: «Erbanlagen, die noch überproportional erhalten sind, waren wohl zumindest in früheren Zeiten wichtig», erklärt der Paläogenetiker. Denn wahrscheinlich brachte es einen Überlebensvorteil, bestimmte Gene zu behalten.

Gene für die Immunabwehr

Dannemann belegt das in einer aktuellen Studie für Erbanlagen, die für angeborene Immunreaktionen wichtig sind. Bis zu drei Viertel der Europäer und Asiaten haben Neandertaler-Varianten, um Parasiten, Pilze, Bakterien und Viren abzuwehren. Und diese Varianten reagieren besonders heftig auf Krankheitserreger. «Vielleicht gab es fiese Keime, die man nur mit einer starken Immunabwehr überlebte», sagt Dannemann. Heutzutage ergeben sich daraus Nachteile. So scheinen sie das Risiko für Allergien zu erhöhen, wie Dannemann zeigte.

von Dr. Achim G. Schneider


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