Wann ist es Hunger, wann nur Gluscht?

Das Hungergefühl kann uns zu unterschiedlichsten Zeiten überfallen. Hunger ist ein lebenswichtiger Weckruf des Körpers. Häufig gehen wir aber dem Gluscht und Appetit auf den Leim. Deshalb ist es wichtig, den Unterschied zu kennen.

Hunger ist ein starkes Gefühl, ein körperliches Verlangen nach Nahrung. Komplexe Prozesse im Körper lösen es aus und steuern das Essverhalten. «Beim Hunger signalisiert der Körper, dass er Energie benötigt», hält die Ernährungsberaterin Susanne Emmisberger fest. Appetit, also Gluscht, dagegen kann auch auftreten, wenn der Hunger gestillt ist – als lustvolles Verlangen nach etwas Leckerem. Natalie Zumbrunn-Loosli, Geschäftsleiterin am Kompetenzzentrum für Ernährungspsychologie in Zürich: «Auch unsere Sinnesorgane, Psyche, Stimmungen und Lebensumstände beeinflussen den Appetit. Ebenso wichtig sind unsere Essensgeschichte und -erfahrungen». Dass man in Gesellschaft mehr isst als alleine, wird in Büchern auch immer wieder beschrieben.

Heisshunger vermeiden

Ein anderes Phänomen ist der Heisshunger. Dann ist meistens der Blutzucker im Keller. Unsere Gedanken kreisen nur um ein Thema, Schokolade zum Beispiel,  und wir verlieren die Kontrolle. «Alles Verfügbare wird wahllos und schnell gegessen. Der Körper kommt zu seiner Energie, aber der Mensch kaum zum Genuss», sagt Natalie Zumbrunn-Loosli. Fachleute raten zu Obst statt Schokolade, um einen zu hohen Blutzuckerspiegel zu vermeiden. Den Unterschied zwischen Hunger und Heisshunger erklärt Susanne Emmisberger so: «Das Hungergefühl ist am Anfang schwach und wird immer stärker. Heisshunger dagegen kommt plötzlich und stark.» Er lässt sich vermeiden, indem man ausgewogen frühstückt. Denn am Morgen arbeitet die Verdauung am besten, der Körper kann die Nährstoffe optimal aufnehmen. Oft hat Heisshunger sowieso eher mit Heissdurst zu tun: Abwarten und Tee- respektive Wassertrinken hilft meistens.

Hunger entsteht im Hirn

Beim Hunger spielt die Stoffwechselzentrale im Gehirn eine massgebende Rolle. Um funktionieren zu können, ist das Gehirn auf Glucose angewiesen. Obwohl es nur rund zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, verbraucht dieses Organ rund die Hälfte der gesamten Glucosezufuhr. Das Hungerzentrum wird aktiv, sobald der Blutzuckerspiegel sinkt. Wird keine Nahrung zugeführt, tritt Plan B in Kraft. Damit dem Hirn keine Glucosevorräte verlorengehen, stoppt es die Insulinausschüttung, sodass keine Glucose in die Muskeln gelangen kann. Wird dann immer noch keine Nahrung zugeführt, greift der Körper auf Eiweiss zurück – auch das zulasten der Muskeln. Danach geht der Körper dazu über, seine Fettdepots anzuzapfen.

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Leere Magen knurren

Hunger heisst oft Magenknurren. Es wird dadurch ausgelöst, dass der Magen über mehrere Stunden keine Nahrung erhält. Das Organ entwickle sich in der Folge zum Klangkörper, so der deutsche Gastroenterologe Berndt Birkner. Wie beim Blasen in ein Horn gerate die Luft ins Schwingen, wenn sich die Magenwände bei leerem Magen zusammenziehen und wieder erschlaffen. Das erzeugt das Knurren. Ein komplexer Vorgang läuft auch beim Essen selbst ab. Der Magen beginnt sich zu füllen, die Magenwand dehnt sich aus. Das Sättigungszentrum des Gehirns erhält ein entsprechendes Signal zugesandt. Magen und Darm beginnen zudem bestimmte Hormone herzustellen, die dem Hirn ebenfalls melden: «Ich bin jetzt satt.­»

«Iss nicht so schnell!»

Bis die Nahrung in den Darm gelangt, verstreicht jedoch eine gewisse Zeit. «Es dauert rund 20 Minuten, bis der Körper beziehungsweise das Gehirn die Sättigungssignale wahrnimmt», sagt Susanne Emmisberger. Das ist eine gute Nachricht für Menschen, die auf ihr Gewicht achten: Um das Sättigungsgefühl zu trainieren, empfehlen Fachleute, möglichst langsam zu essen. Dann merkt man rechtzeitig, wenn der Magen voll ist und wird schneller satt. «Iss nicht so schnell!» Diese ungeliebte elterliche Ermahnung aus unseren Kindertagen sollten wir uns also ab und zu in Erinnerung rufen.

Publiziert am 29.05.2017,

von Markus Sutter


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