Flaschengeist mit Nebenwirkungen

Nährstoff, Droge, Zellgift, sozialer Schmierstoff, Genuss- und sogar Heilmittel: Kaum ein Stoff vereint so viele Eigenschaften wie Alkohol. Die Dosis macht den Unterschied.

Sprechen Mediziner oder Chemiker vomAlkohol, den wir geniessen können, dann meinen sie Ethanol. Es handelt sich um ein kleines, aber energiereiches Molekül, welche sich sowohl in Wasser als auch in Öl auflöst. Für den Körper ist es ein Gift, das möglichst schonend abgebaut werden muss. Bis die Leber das geschafft hat, bewirkt Alkohol viele und unterschiedliche Veränderungen in unserem Körper.

Alkohol verändert Wahrnehmung und Verhalten

Regelmässiger Alkoholkonsum schlägt sich in gut messbaren körperlichen Veränderungen nieder. Am stärksten betrifft dies die Blutfette: Besonders das «gute» Cholesterin - HDL genannt - erhöht sich bei regelmässigem Alkoholkonsum. Ein weiterer positiver Effekt betrifft die Blutgerinnung.

Stoffe im Blut, welche die Bildung von Blutklümpchen begünstigen, werden durch den regelmässigen Genuss von Bier oder Wein gehemmt. Dadurch sinkt das Risiko, dass ein Gerinnsel ein Gefäss verschliesst und Hirn und Herz durch einen Infarkt geschädigt werden. Manche «guten» Einflüsse des Alkoholkonsums kippen aber mit zunehmendem Konsum ins Gegenteil: So sinkt der Blutdruck bei Menschen, die ein bis zwei Gläschen Wein oder Bier am Tag trinken.

Stärkerer Konsum erhöht hingegen den Druck in den Gefässen. Bluthochdruck ist ein wichtiger Risikofaktor für Hirnschlag, weshalb dieses Risiko bei starken Trinkern erhöht ist. Dabei wir auch die gerinnungshemmende Eigenschaft von Alkohol zum Verhängnis, weil der Gehirninfarkt auch durch eine Blutung im Gehirn ausgelöst werden kann.

Eigenschaft

Wirkung

Euphorisierend

Redseligkeit, Offenheit, Selbstüberschätzung

Betäubend

Schmerztoleranz erhöht sich, Verletzungsrisiko steigt, Denken, Bewegung und Sprechen verlangsamen sich

Sedierend

Macht schläfrig und vermindert die Funktion von Reflexen

Enthemmend

Irrationales, riskantes Verhalten

Schränkt Funktion von Sinnesorganen ein

Gleichgewichtsstörung, Tunnelblick

«Emotionalisierend»

Verstärkt den Gemütszustand: kann einen aggressiv, traurig oder «aufgedreht» machen, je nach Grund-Gemütszustand

Einfluss auf Krankheitsrisiken

Westschweizer haben ein geringeres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden als Deutschschweizer. Mitverantwortlich dafür könnte das unterschiedliche Trinkmuster sein. Mehr als die Hälfte der Männer und etwa ein Drittel der Frauen in der Westschweiz gibt an, täglich Alkohol zu konsumieren. In der Deutschschweiz sind es deutlich weniger.

Das unterschiedliche Trinkverhalten der Romands schlägt sich aber auch in anderen Lebensbereichen nieder. So sind alkoholbedingte Krankheiten wir Leberzirrhose - eine Vernarbung der Leber -, manche Krebsarten, aber auch Unfälle in der französischen Schweiz häufiger als bei uns.

Wie bei den Blutveränderungen, entscheidet auch bei den Krankheiten die Dosis darüber, wie Alkohol das Risiko beeinflusst. Je mehr wir trinken, desto eher überwiegen die Nachteile des Konsums.

Mangelhafte Alkoholstudien

Die meisten Studien, die einen positiven Effekt von moderatem Alkoholkonsum auf die Gesundheit aufgezeigt haben, weisen erhebliche Schwächen auf. Die Ergebnisse beruhen auf Beobachtungsstudien. Diese können nicht sicher beweisen, dass beispielsweise moderate Weintrinker aufgrund des Alkoholkonsums gesünder sind als Abstinente.

Denkbar ist nämlich, dass der Gesundheitsvorteil von Weintrinkern auf andere gesundheitsrelevante Unterschiede im Verhalten zurückzuführen ist und nicht (nur) auf den Alkoholkonsum. Hinzu kommt, dass Forscher die Gesundheit von Personen, die ein bis zwei Gläser am Tag trinken, mit der Gesundheit von Menschen vergleichen, die gar nicht trinken.

Diese relativen Unterschiede hängen also immer auch vom Gesundheitszustand der Vergleichsgruppe ab. In dieser Gruppe von Abstinenten landen fälschlicherweise auch Menschen, die ein Alkoholproblem haben und deshalb «trocken» bleiben müssen. Da ehemalige Alkoholiker Gesundheitsrisiken haben, werden die relativen Vorteile der moderaten Trinker gegenüber den Abstinenten durch Fehler in der Studie vorgetäuscht.

Trotz dieser Schwächen hat mässiger Alkoholkonsum wahrscheinlich gewisse Herz-Kreislauf-schützende Effekte. Das heisst aber nicht, dass es einen risikofreien Konsum gibt. Ein Glas Wein zum Essen bedeutet für viele Geniesser aber auch ein Stück Lebensqualität. Und was bringt schon ein langes Leben, wenn die Lebensqualität fehlt?

Autor: David Fäh

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