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Gesünder leben?

Den inneren Arzt konsultieren

Gedanken und Gefühle können sich direkt auf den Organismus auswirken. Lässt sich dieser Effekt von Psyche auf Körper gezielt beeinflussen? Experten sagen: Ja!

Wenn sich der Schmerz qualvoll über das Gesäss zieht, ist der Schuldige meist klar: der Ischias. Der Nerv plagt mitunter auch Wissenschaftler. Als Professor Paul Enck bei einem Orthopäden Hilfe suchte, setzte dieser eine schmerzlindernde Spritze. «Ich konnte sofort problemlos aufstehen», berichtet Enck. Sein Arzt reagierte indes verwundert. Er meinte, «das Medikament könne unmöglich so schnell wirken.»

Wenn es also nicht die Injektion war, die den Schmerz so schnell verscheuchte – was dann? Kaum jemand kennt die Antwort so gut wie Enck selbst. Der Psychologe ist einer der weltweit führenden Placebo-Forscher. An der Universität im deutschen Tübingen untersucht er, warum Zuckerpillen, weisse Kittel und nette Worte heilsam wirken. Oder auch eine Spritze. «Eine solche steigert die Erwartung sogar stärker als Tabletten», weiss Enck.

Hochwirksam: Der Placebo-Effekt

Was kann ich tun?

Die moderne Medizin kann das aktive Mitwirken des Patienten nicht ersetzen. Ein wichtiger Schritt ist deshalb, sich bewusst zu werden: Ich kann meine Gesundheit beeinflussen. Jeder zieht seine seelische Kraft aus anderen Quellen. Hat eine Krankheit diese in Vergessenheit geraten lassen, kann ein Therapeut dabei helfen, sie wiederzufinden.

Chronischer Stress macht Körper und Seele krank. Wichtig ist, der Belastung rechtzeitig gegenzusteuern. Experten empfehlen das Einüben von Entspannungstechniken, etwa Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Meditation.

Ausreichende Bewegung bringt die Regenerationsfähigkeit des Körpers in Schwung. Sie verbessert die Durchblutung und lässt Wunden schneller heilen. Auch die Abwehr wird fitter. Wichtig zudem: ausgewogene Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst sowie der Verzicht auf Rauchen und zu viel Alkohol.

Genug Schlaf ist wichtig. Schon eine durchwachte Nacht – und die Abwehr schwächelt nachweislich. Die Antikörperproduktion läuft vor allem im Schlaf auf Hochtouren. Auch Impfungen wirken besser, wenn man in der Nacht darauf gut schläft.

Noch immer tut sich die moderne Medizin schwer, anzuerkennen, welch grossen Einfluss die Psyche auf die körperliche Gesundheit hat. Wie stark dieser Einfluss ist, beweist allein schon der Placebo-Effekt. In der Medizin wird damit die Heilwirkung umschrieben, die weder von einem Medikament noch sonst von einer erwiesenermassen effektiven Behandlung ausgeht. Oft wird Placebo daher als «wirkungsloses Scheinmedikament» bezeichnet. Dabei ist es gerade das Gegenteil: hochwirksam.

Doch wenn es nicht der Wirkstoff ist, der hilft – was dann? Hinter dem oft als Einbildung geschmähten Placebo-Effekt verbirgt sich ein mächtiges Heilprinzip der Medizin. Manche nennen es den «inneren Arzt». Enck spricht lieber von «Konditionierung» und «neurokognitiven Reaktionen».

Gemeint ist dasselbe: Flösst der Arzt dem Patienten Vertrauen ein, weckt er mit seiner Behandlung sowie den richtigen Worten eine positive Erwartung, dann bringt er über die Psyche etwas in Bewegung. Und das hilft letztlich dem Körper, sich selbst zu helfen. Man kann sagen, der Arzt aktiviert beim Patienten die Selbstheilungskräfte.

Der Körper repariert sich ständig

Dass der Körper solche Kräfte besitzt, bestreitet niemand. Er regeneriert und reguliert sich ständig, repariert mit Enzymen fehlerhaftes Erbgut, bekämpft Erreger mit einer ausgeklügelten Abwehr. Er kann Infekte überwinden, Wunden schliessen und gebrochene Knochen heilen. Selbst gegen Krebs ist er keineswegs machtlos. Die meisten bösartigen Zellen vernichtet das Immunsystem, bevor daraus ein Tumor wächst.

Das heisst allerdings nicht, dass der Körper jede Krankheit selbst besiegen kann, wenn man ihm nur Zeit dazu lässt. Bei manchen Symptomen ist schnelles Eingreifen überlebenswichtig. Fehlt in einem Arm oder Bein plötzlich das Gefühl, heisst es: sofort den Notarzt rufen! Das kann auf einen Schlaganfall hindeuten, dann zählt jede Minute. Und zu hohen Blutdruck oder Blutzucker muss man ebenfalls behandeln – auch wenn man sie nicht spürt.

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Chronischer Stress ist gefährlich

Doch kann die Psyche tatsächlich auf den Körper wirken? Inzwischen versteht die junge Wissenschaft die Verflechtungen zwischen Geist und Körper besser. So gelang es, einige Botenstoffe zu identifizieren, mit denen Nerven und Immunsystem kommunizieren. Als unbestritten gilt etwa, dass chronischer Stress sich negativ auf die Selbstheilungskräfte auswirkt. Während eine kurze Belastung die Abwehr stärkt, gerät bei Dauerstress zu viel Kortisol ins Blut und hemmt diese.

Es gibt durchaus Wege, gezielt auf die Psyche einzuwirken: Gedanken und Gefühle sind therapierbar, genau wie ein schmerzendes Knie. Mit den richtigen Worten etwa. Dazu zählt die geglückte Kommunikation zwischen Arzt und Patient, aber auch jede Art von Psychotherapie, die versucht, über Worte die Gedanken und Gefühle zu beeinflussen – und so auf den Körper zu wirken.

Wer gesundheitsbewusst leben will, sollte sich also nicht nur ausgewogen ernähren und viel bewegen. Genauso wichtig ist es, die Kraftquellen seiner Seele zu suchen, kleine und grosse. Sie nähren Zuversicht und Vertrauen in die Kräfte des eigenen Körpers – und stärken so gleichzeitig den «inneren Arzt».

von Sonja Gibis,

publiziert am 25.07.2018


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