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«Früher oder später hat jeder Ungeimpfte Covid»

Was erwartet uns in den kommenden Wochen, wie gefährlich ist die neue Delta-Plus-Variante und nützt eine Booster-Impfung? Der Infektiologe Manuel Battegay beantwortet die wichtigsten Fragen.

Es ist Herbst, die Zahlen der Ansteckungen steigen wieder. Was erwartet uns in den nächsten Wochen?

Das ist schwierig vorherzusagen. Aber wenn es uns in der Schweiz nicht gelingt, die Impfquote zu steigern, werden die Ansteckungen weiter hochgehen und immer mehr Erkrankte eine Spitalbetreuung auch auf Intensivstationen benötigen.

Welche Impfquote müsste die Schweiz denn erreichen, damit die Zahl der Erkrankungen wieder sinkt?

Ganz ausgezeichnet wäre eine Impfquote von 80 Prozent der Gesamtbevölkerung; im Moment sind es knapp 66 Prozent, die mindestens einmal geimpft sind. Das ist ein zu hoher Anteil, der wieder zu Engpässen in den Intensivstationen führen kann. 

Nun ist auch noch eine neue Delta-Untervariante aufgetaucht: Delta Plus. Wie gefährlich ist die?

Wir wissen das noch nicht genau. Die ursprüngliche Deltavariante ist doppelt so ansteckend wie das ursprüngliche Virus. Erste Resultate lassen vermuten, dass die neue Delta-Plus-Variante noch einmal 10 Prozent ansteckender ist. Das heisst: Ohne Schutzmassnahmen steckt eine infizierte Person mit der ursprünglichen Alpha-Variante etwa 2 bis 3 Personen an. Mit der Delta-Variante sind es bereits 6 bis 7 Personen und mit der neuen Delta-Plus-Variante wären es dann eher 7 oder mehr Personen.

Auch Personen, die bereits doppelt geimpft sind, stecken sich an. Nützt die Impfung nicht?

Doch, die Impfung nützt sehr gut. Aber eben nicht zu 100 Prozent. Hier muss man zwischen Ansteckung und Erkrankung unterscheiden. Die Impfung wirkt gegen eine Ansteckung «nur» zwischen 50 und 70 Prozent. Gegen eine Erkrankung etwa 90 bis 95 Prozent und gegen einen schweren Verlauf sogar über 95 Prozent. Das heisst, als geimpfte Person kann man sich zwar anstecken, die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Covid-Verlauf ist aber sehr klein. Es gibt nach wie vor praktisch keine Geimpften auf Schweizer Intensivstationen. In Basel waren es seit Mai 2 Personen, beide mit schwerer Abwehrschwäche.

Wie ansteckend ist eine geimpfte Person, die sich infiziert hat?

Zum einen stecken sich geimpfte Personen viel weniger oft an. Zum anderen, das geht aus einer ersten Studie aus Israel hervor, geben selbst angesteckte Geimpfte das Virus viel weniger an Drittpersonen weiter.

Würde eine dritte Impfung helfen?

Generell ist der grosse Teil der Bevölkerung durch zwei Impfdosen geschützt. Hier muss man zwischen einer dritten Impfung und einer Booster-Impfung unterscheiden. Die dritte Impfung erweitert den Schutz für abwehrgeschwächte Menschen. Die Booster-Impfung, die letzte Woche von der Swissmedic für über 65-Jährige zugelassen wurde und vom Bund empfohlen wird - frischt die Abwehr bei älteren Menschen auf.

Könnte man mit einer Booster-Impfung die Spitäler nicht entlasten?

Nein. Eine Booster-Impfung würde die Anzahl der Hospitalisationen, vor allem auf den Intensivstationen, praktisch nicht ändern, da diese in hohem Masse von der Zahl der Ungeimpften abhängt. Trotzdem hoffe ich, dass die Booster-Impfung für ausgewählte Bevölkerungsteile schnell kommt.

Braucht man danach jedes Jahr eine neue Booster-Impfung?

Viele Leute werden wohl im Laufe der Zeit eine dritte Impfung benötigen. Danach könnten weitere Booster aber unnötig werden. Das Virus wird nicht verschwinden, Geimpfte werden folglich ab und zu damit in Kontakt kommen. Dieser Kontakt frischt die Abwehrkräfte dann erneut auf. Möglicherweise ist es dann so wie bei der Grippe: Impfauffrischungen für ältere Menschen und Menschen mit erhöhtem Risiko, schwer zu erkranken. Aber wir sind noch nicht an einem Punkt, an dem wir das mit Sicherheit sagen können.  

Das Ziel des Bundes ist eine höhere Impfquote zu erreichen. Ist das realistisch?

Ja, ich glaube, das ist sehr realistisch. Ich bekomme immer noch viele Fragen zugeschickt von Menschen, die noch skeptisch sind. Viele davon konnte ich bereits mit sachlichen Erklärungen von einer Impfung überzeugen.

Also gibt es mehr Impfskeptiker als Impfgegner?

Zur Impfwoche:

Um weitere Personen dazu zu bewegen, sich impfen zu lassen, plant der Bundesrat gemeinsam mit den Kantonen eine Impfwoche vom 8. bis zum 14. November. Zusätzliche mobile Beratungs- und Impfstellen sollen einen niederschwelligen Zugang zur Impfung ermöglichen. Zudem finanziert der Bund die Bereitstellung von Beraterinnen und Beratern durch die Kantone, um auf das Bedürfnis von noch nicht geimpften Personen nach Information einzugehen.

Es gibt sicher Leute, die sich bereits gegen eine Impfung entschieden haben. Aber ich erhoffe mir von der Impfwoche (siehe Box) noch einen Anstieg der Anzahl der Impfwilligen. Hier spielen Kolleginnen und Kollegen in der Praxis, die gute Aufklärungsarbeit leisten und impfen, eine wichtige Rolle. Und man muss schon auch sehen: In den letzten Wochen wurden etwa 165'000 Personen pro Woche geimpft. Wenn wir diese Zahl noch steigern könnten, wäre das hervorragend.

Hat auch der kostenpflichtige Antigentest dazu geführt, dass sich mehr Leute impfen lassen?

Ja, das hatte sicher einen gewissen Einfluss. Hinzu kamen die Reisebestimmungen der Feriendestinationen. Mit der Impfung wird es vielerorts einfacher. Für mich als Arzt ist es aber essenziell, Menschen mit Daten und Aufklärung von einer Impfung zu überzeugen. Und überzeugend finde ich auch erste Daten dazu, dass die Impfung das Risiko von Long-Covid deutlich reduziert.

Was sind das für Daten?

Eine von uns durchgeführte Studie zeigt, dass drei Monate nach einer Covid-Erkrankung 27 Prozent der Genesenen noch Beschwerden haben. Nach einem Jahr sind es immer noch 10 Prozent. Diese befragten Personen sind praktisch alle wieder zurück bei der Arbeit, aber haben zum Beispiel noch Konzentrationsstörungen. Jetzt gibt es die Impfung und die Wahrscheinlichkeit solcher Nachwirkungen kann mit dieser deutlich reduziert werden.

Viele Skeptiker haben Angst, dass die Impfung unfruchtbar macht. Was ist da dran?

Das sind effektiv falsche Fakten. Es wird behauptet, dass durch die mRNA Antikörper gegen ein Protein produziert werden, das dasselbe sei wie dasjenige, das für das Wachstum der Plazenta zuständig ist. Das heisst: Nach einer Impfung hätte man Antikörper, die das Wachstum der Plazenta hemmen würden und das würde unfruchtbar machen. Aber Fakt ist: es handelt sich dabei nicht um das gleiche Protein. Punkt. Zudem gibt mittlerweile sehr viele Studien, die keinerlei Anlass zur Annahme geben, dass der Impfstoff einen Einfluss auf die Fruchtbarkeit hat. Ebenfalls haben Studien mit Schwangeren gezeigt, dass der Impfstoff auch keinen Einfluss auf ein ungeborenes Kind im Mutterleib hat.

(Fortsetzung weiter unten…)

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Und Unfruchtbarkeit beim Mann?

Auch da gibt es bereits Studien, die zeigen, dass die Anzahl und Funktion von Spermien nicht durch eine Impfung beeinflusst wird.

Man hört auch immer wieder, die Impfung beeinflusse unsere DNA.

Das sind ebenfalls Falschinformationen. Der mRNA-Impfstoff kann sich nicht in unser Erbgut integrieren. Wenn wir uns mit Covid-19 anstecken, kommt auch mRNA mit dem Virus in unseren Körper – und zwar in höherer Dosis als mit der Impfung. Diese Aussage macht also keinen Sinn.

Junge Frauen klagen nach der Impfung über eine Veränderung bei ihrem Zyklus. Ist das gefährlich?

Es gibt einzelne junge Frauen, die stark auf die Impfung reagieren. Es ist denkbar, dass der Zyklus für kurze Zeit beeinflusst werden kann. Es gibt aus den Studien aber keinen Hinweis darauf, dass der Zyklus längerfristig beeinflusst wird.

Was wissen wir heute über das Virus und was noch nicht?

Das Krankheitsbild, die Symptome und die Risikofaktoren kennen wir bereits sehr gut. Die grösste Frage ist für mich: Entsteht noch eine Mutation, die unsere Abwehr umgehen kann? Bis jetzt konnten wir allen Varianten entgegentreten – entweder mit der Impfung oder, im Fall der Genesenen, durch die eigenen Abwehrstoffe. Das stimmt mich zuversichtlich, dass das Virus nicht unendlich viele Möglichkeiten hat. 

Genesene sind mit ihren Abwehrkräften also bereits geschützt? Wieso braucht es dann für diese Menschen eine Impfung?

Hier muss man auch wieder aufpassen: Genesene erkranken recht selten ein weiteres Mal schwer an Covid-19, so wie die Geimpften. Deshalb hat man auch das Zertifikat auf ein Jahr ausgedehnt. Besser geschützt ist man aber ganz klar, wenn man sich als Genesener noch einmal impfen lässt. Deshalb empfehle ich in den Genesenen auch ganz klar eine Impfung.

Erste Experten sagen, dass sich die Epidemie in der Schweiz im Frühling erledigt haben könnte – falls es keine Mutationen mehr gibt und die Impfquote steigt. Was halten Sie davon?

Dem stimme ich zu unter den genannten Voraussetzungen. Das Corona-Virus wird aber nicht verschwinden. Es wird immer noch Hospitalisierungen und Tote geben, aber hoffentlich auf dem Niveau von anderen Infektionskrankheiten. Aber die Pandemie wird erst beendet sein, wenn wir auch weltweit eine hohe Impfquote erreicht haben. Zurzeit sind weltweit erst knapp 50 Prozent geimpft, das genügt leider noch nicht.

Viele Junge sagen: «Wenn ich mich impfen lasse, liege ich sicher ein paar Tage flach. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Corona kriege und deshalb krank werde, ist viel geringer.» Was würden Sie auf eine solche Aussage antworten?

70 bis 80 Prozent der Geimpften verspüren ein bis zwei Tage lokale Nebenwirkungen, länger anhaltende Nebenwirkungen treten viel weniger häufig auf und gefährliche selten. Letztere, zum Beispiel eine schwere allergische Reaktion, mit einer Häufigkeit von 1 zu 200’00 Geimpften. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit Covid anzustecken, ist sehr hoch. Wenn wir die Massnahmen in der Schweiz runterfahren, wird es früher oder später praktisch jede ungeimpfte Person treffen. Entweder impft man sich, oder infiziert sich früher oder später. Und da ist das Risiko für einen schweren Verlauf oder Long-Covid viel, viel höher.

von Rüdi Steiner und Rahel Schmucki,

veröffentlicht am 04.11.2021


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