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Gesünder leben?

Warum Kinderkrankheiten Erwachsenen so zusetzen

Wer erst nach der Kinderzeit Masern, Mumps oder Spitze Blattern bekommt, ist elend dran. Der Grund: Das Immunsystem arbeitet «zu gut».

Mumps, Röteln, Spitze Blattern und Keuchhusten

Auch Mumps verläuft bei Erwachsenen meist schwerer als bei Kindern. Bei 15 bis 30 Prozent der Männer entzünden sich die Hoden, was die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen kann.

Spitze Blattern sind ebenfalls mühsamer im Erwachsenenalter. Riskant sind sie für Schwangere, weil sie beim Ungeborenen schwere Missbildungen verursachen. Und ein Drittel der Neugeborenen, die daran erkranken, stirbt. In der Schweiz ist dieses Risiko klein, denn 98 Prozent der Bevölkerung hatten die Krankheit als Kind, sie sind immun. Anders bei Menschen mit Migrationshintergrund: Viele sind nicht immun.

Röteln sind nicht heftiger als bei Kindern, aber wegen der Gefahr für Schwangere gefürchtet. Das ungeborene Baby kann sterben oder schwere Missbildungen davontragen.

Nicht gefährlich, aber lästig ist der rund sechs Wochen dauernde Keuchhusten bei Erwachsenen. Hinzu kommt die Ansteckungsgefahr: Für Babies und geschwächte Personen kann er lebensbedrohlich sein. Diese Gefahr lässt sich bannen, wenn der Erkrankte rasch ein Antibiotikum gegen die Keuchhusten-Bakterien nimmt. Die Hustendauer verkürzt sich aber damit kaum.

«So elend habe ich mich selten gefühlt. Es war sehr schlimm», sagt Barbara K*. Im Alter von 53 Jahren bekam sie die Masern: Fieber, entzündete Augenbindehäute, Kopfschmerzen, Schnupfen, Husten, Hautausschlag. «Ich sah fürchterlich aus.»

Neun von zehn Personen stecken sich an

Angesteckt hatte sie sich bei einem Geburtstagsfest. Ihr nicht gegen Masern geimpfter Neffe sass damals fiebernd mit am Tisch. Anderntags brach die Viruserkrankung bei ihm aus. «Zehn Tage später war ich dran», erinnert sich K. Masern sind sehr ansteckend, etwa 90 Prozent der Kontaktpersonen, die weder geimpft sind noch die Masern hatten, infizieren sich.

Überschiessende Immunreaktion

Im Vergleich zu Kindern verläuft die Erkrankung bei Erwachsenen schwerer. Barbara K. war zehn Tage lang bettlägerig. «Der Arzt konnte nicht viel machen.» Dass Erwachsene heftiger betroffen sind, liegt an ihrem – im Vergleich zu Kindern – voll ausgereiften Immunsystem. «Das kann zu einer überschiessenden Immunreaktion führen, was sehr starke Symptome verursacht», erklärt Christoph Berger, Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich. Ein höheres Risiko haben aber auch Säuglinge. Ihr Immunsystem ist noch unreif und kann den Viren wenig entgegensetzen.

Lungenentzündung als Komplikation

Entsprechend höher sind bei diesen Gruppen auch die Komplikationsraten. Von den unter 16-Jährigen bekommt «nur» etwa jeder Zehnte Komplikationen oder wird so krank, dass er ins Spital muss. Bei den Säuglingen dagegen ist es einer von fünf, bei den über 16-Jährigen gar jeder Vierte. Lungenentzündung, Durchfall, Leber- oder Hirnentzündung zählen zu den gefürchteten Problemen. Barbara K. blieb zum Glück davon verschont.

Viele Erwachsene sind ungeschützt

Die beste Vorbeugung ist, für den Impfschutz zu sorgen. Da Masern- und Mumpsviren aufgrund der hohen Impfraten in der Schweiz weniger zirkulieren, riskieren ungeimpfte Personen, dass sie erst im Erwachsenenalter damit in Kontakt kommen. «Aktuell sind sechs Prozent der Schulabgänger nicht gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft. Früher waren es 13 Prozent. Diese Impflücke bei den inzwischen 20- bis 45-Jährigen ist unser Hauptproblem», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung für «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit.

42 Prozent der Fälle in Europa bei Erwachsenen

Europaweit wurden seit Jahresbeginn rund 9400 Fälle von Masern registriert, 42 Prozent davon betrafen Personen über 20 Jahre. «Ich wusste zwar, dass ich die Masern als Kind nicht gehabt hatte», sagt Barbara K., «aber mir war nicht bewusst, dass ich mich hätte impfen lassen sollen. Das wurde mir erst nach der Erkrankung klar.»

* Name ist der Redaktion bekannt.

Publiziert am 19.10.2017,

von Dr. med. Martina Frei


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