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Gesünder leben?

Wie viele Medikamente braucht es zum Altwerden?

Im Alter wird schnell einmal jede Unannehmlichkeit mit Medikamenten bekämpft. Unser Kolumnist Dr. med. Christian Hess hat als Arzt in der Altersmedizin aber viel Gutes erreicht, indem er Medikamente absetzen liess und sich an die Vernunft statt an Regeln hielt.

In einer angesehenen medizinischen Zeitschrift wird die Situation einer über 80-jährigen Patientin beschrieben. Sie nimmt wegen ihrer diversen Leiden, im Fachjargon Polymorbidität genannt, 17 Medikamente pro Tag ein. Sie hat 6 unterschiedliche Diätempfehlungen und 4 Verhaltensregeln verschrieben bekommen. Alles streng evidenzbasiert, also nach bestem medizinisch-wissenschaftlichem Wissen.

Das Zusammenspiel der Medikamente kann allerdings niemand, schon gar nicht für diese Altersgruppe, abschätzen. Die Verhaltensregeln und Diätvorschriften widersprechen sich in einzelnen Punkten. Die alte Dame wird mit viel Information, aber wenig Verständnis für ihre Lebenssituation allein gelassen.

Gefährlicher Giftcocktail

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Dr. med. Christian Hess

Christian Hess ist Vorstandsmitglied der Akademie für Menschenmedizin. Er war von 1988 bis 2012 Chefarzt Innere Medizin am Spital Affoltern. Davor war er am Spital Männedorf, am Universitätsspital Zürich sowie am Kantonsspital Zug tätig. Er hat zwei Jahre lang in Ifakara, Tansania, gearbeitet und gelebt. Er ist Initiant des «Modells Menschenmedizin». Er ist Mitglied der Kantonalen Ethikkommission Zürich und Autor u. a. des Buches «Menschenmedizin – für eine kluge Heilkunst» (2006).

Wie wollen wir alt werden und wollen wir überhaupt immer älter werden? Und schliesslich, ist es denn sicher, dass wir mit all diesen medizinischen Ratschlägen und Verordnungen besser alt werden und tatsächlich älter werden?

Nebenwirkungen nehmen im Alter zu, man wird anfälliger, verträgt nicht mehr alles. Diese Unannehmlichkeiten werden dann oft mit neuen Medikamenten bekämpft. So summieren sich die Arzneien zu einem Gift-Cocktail, für den man schon sehr robust und gesund sein muss, um ihn noch zu ertragen.

Was ist zu tun? Alles hinterfragen! Was ist zwingend, weil es schwerwiegende Symptome wie Atemnot oder Schmerzen lindert? Was ist nur vorbeugend bzw. was wird da überhaupt zu verhindern versucht? Was war vielleicht einmal wichtig, ist unterdessen aber ohne Bedeutung für den Alltag? Was ist überhaupt dem einzelnen Menschen zumutbar und was sind die Erwartungen ans Leben, die er noch hat?

Verhaltensregeln hinterfragen

Verhaltensregeln werden schon von jungen Patienten kaum umgesetzt und machen mit über 80 Jahren fast keinen Sinn mehr. Diätvorschriften sollen nur das Schlimmste verhindern (z. B. Überzuckerung), sind sonst aber ebenfalls zu streichen. Das Essen ist ja oft einer der wenigen noch verbliebenen Genüsse im Leben.

Das Motto muss immer sein: Was dient dem alltäglichen Leben des betroffenen Menschen (und nicht: Was ist die Richtlinie der Medizin)? Ich habe als Arzt in meinem medizinischen Wirken in der Altersmedizin wohl mehr Gutes erreicht mit Stoppen von Medikamenten und Aufheben von Regeln als mit irgendetwas anderem. Fragen Sie deshalb Ihren Arzt, auf was Sie verzichten könnten, und setzen Sie Medikamente mit fraglichem Nutzen immer mal wieder ab. Und vor allem: Geniessen Sie das Leben mit so wenig Medikamenten wie möglich.

von Dr. med. Christian Hess


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