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Gesünder leben?

Brauchen Angestellte eine Mail-Auszeit?

In vielen Betrieben beantworten Arbeitnehmer die digitale Post auch in ihrer Freizeit – mit negativen Folgen für ihre Gesundheit.

In Frankreich gilt seit 2017 ein weltweit einmaliges Gesetz: im Arbeitsgesetz ist neu das «Recht auf Abschalten» festgehalten. Nach Feierabend und am Wochenende muss ein Arbeitnehmer nicht erreichbar sein.

Ob es auch hierzulande ein Gesetz bräuchte, damit Angestellte von 19 bis 7 Uhr keinen Zugang zu Geschäftsmails haben dürfen? Die negativen Folgen ständiger Erreichbarkeit sind nämlich Burn-out und Stress. Die Internetpionierin, «Digitaltherapeutin» und erfolgreiche Buchautorin Anitra Eggler fordert klare Richtlinien punkto Verfügbarkeit in den Betrieben. (lesen Sie unten weiter...)

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Zahlen und Fakten
  • 53 Mal am Tag aktivieren Besitzer im Durchschnitt ihr Handy.
  • 18 Minuten lassen Benutzer ihr Handy ruhen, dann unterbrechen sie die Tätigkeit, mit der sie gerade beschäftigt sind – und zücken es.
  • 94 Prozent der 15- bis 24-jährigen Schweizer nutzen regelmässig ihr Smartphone. Bei der Gesamtbevölkerung sind es zwei Drittel.

Quelle: laufende Studie der Universität Bonn mit 300'000 Beteiligten / IGEM Digimonitor 2016

Braucht es vom Arbeitgeber festgesetzte Offlinezeiten, wie sie in Frankreich gelten?

Leider ja. Eigentlich bin ich eine Freundin der Selbstbestimmung. Aber die Entgrenzung der Arbeit und der Freizeit bekommt den Menschen schlecht. Sind sie permanent auf Stand-by, erschöpfen sie sich. Darauf könnten sie eigentlich selbst kommen, aber sie gehen es nicht an. Da dieses Verhalten der Gesundheit schadet und die Produktivität verringert, beginnt sich nun auch die Politik einzuschalten. Klare Offlineregeln in Unternehmen helfen Menschen, sich selbst zu schützen.

Warum schaffen es viele nicht, selbst ein gesundes Mass an Erreichbarkeit zu finden?

Zum einen, weil sie fürchten, sie könnten den Job verlieren oder ein anderer könnte sich hochmailen. Zum anderen, weil eingehende Mails und Nachrichten eigentliche Dealer sind. Unser Gehirn wird süchtig nach den Dopamin- und Adrenalinausschüttungen, die einen Aufmerksamkeitsreiz begleiten. Wir gehen diesen Ablenkungen nach, weil wir einfach nicht imstande sind, das abzuschalten. Ploppt eine neue Nachricht auf, müssen wir unverzüglich wissen, ob es sich um eine gute oder schlechte Neuigkeit handelt.

Die Technologie, die uns schneller und flexibler machen sollte, scheint das Gegenteil zu bewirken.

Die digitale Dauerablenkung zerstört unsere Konzentrationsfähigkeit. Wir verschwenden viel Zeit auf sozialen Netzwerken, vergoogeln uns ins Nirwana, beantworten jedes pseudowichtige Mail und jede Nachricht augenblicklich. Das führt zu einem beachtlichen Arbeitszeitverlust. Versuche ich, ständig alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig. Harvard-Ärzte nennen die Dauerablenkung Attention Deficit Trait ADT (Aufmerksamkeitsdefizitmerkmal). Ständige Erreichbarkeit ist für mich inzwischen ein Synonym für miserables Zeitmanagement.

Das Problem sind nicht die fordernden Arbeitgeber, sondern wir?

Für viele ist das Handy eine Beschäftigungstherapie. Wir müssen wieder lernen, den Moment zu geniessen, ohne ihn festzuhalten und zu teilen. Und das, was wir denken, erst mal in Ruhe für uns selbst denken und nicht sofort der Welt kundtun.

von Monica Müller Poffa,

publiziert am 27.10.2017


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