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Gesünder leben?

Wenn die Tochter plötzlich Veganerin wird

Stellt ein Kind auf vegane Ernährung um, ist das für die Familie oft eine grosse Herausforderung. Es kann aber auch ein Gewinn sein. Ein Erfahrungsbericht.

«Papa, ab sofort esse ich keine tierischen Produkte mehr.» Wirklich erstaunt hat uns diese Ankündigung vor einem halben Jahr nicht. Unsere 17-jährige Tochter ernährt sich schon seit Jahren vegetarisch – zu gross war und ist ihre Zuneigung zu Tieren. Der Schritt hin zur Veganerin erschien uns deshalb nachvollziehbar, ja logisch. Und da wir bereits an eine vorwiegend vegetarische Küche gewohnt waren, machten wir uns keine allzu grossen Sorgen, was die Umstellung unserer Essgewohnheiten betrifft.

Teufel steckt im Detail

So weit die Theorie. Im Alltag zeigte sich aber rasch, dass es Hürden gibt, die vorher nicht zu sehen waren. Und der Teufel manchmal eben doch im Detail steckt. Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Inhaltsstoffen. Unsere Tochter nimmt kein Nahrungsmittel mehr in den Mund, wenn sie nicht vorher akribisch das Kleingedruckte auf der Packung studiert hat. Es ist in der Tat erstaunlich, wo überall tierische Produkte drin sind. Milchpulver im Brot, Eier in Teigwaren, Gelatine in Süssigkeiten oder Fruchtsäften. Und so weiter. Also musste erst mal der ganze Vorratsschrank «gesäubert» werden.

Fertig improvisiert

Die nächste grössere Schwierigkeit stellt der Menüplan dar: Im hektischen Familienalltag bleibt ein solcher sowieso nur ein frommer Wunsch. Realität ist, dass alle abends nach Hause kommen und wir Eltern in Windeseile ein Abendessen hinzaubern. Meistens wird improvisiert mit dem, was der Kühlschrank hergibt.

Nun ist aber alles anders. Vegan kochen hat sich zumindest am Anfang als Herausforderung erwiesen. Vorausdenken und planen ist angesagt.

Klar haben wir uns vegane Kochbücher gekauft, natürlich haben wir Rezepte studiert. Das Problem ist nur, dass diese meist sehr aufwendig sind. Tofu in einer Sojamarinade ziehen lassen, jede Menge verschiedener Gemüse rüsten, Linsen einweichen – all das braucht viel Zeit.

Mit der Lesebrille bewaffnet

Robert Bossart, Impuls-Autor
Robert Bossart, Impuls-Autor
Zur Person

Robert Bossart (53) aus Altwis (LU) ist verheiratet und zweifacher Familienvater. Für iMpuls beschreibt er, wie der Entscheid der Tochter (17), sich ausschliesslich vegan zu ernähren, das Familienleben auf den Kopf gestellt hat.

Hinzu kommt die Sache mit der Nahrungsbeschaffung. Vegan einkaufen gleicht mitunter einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Bewaffnet mit der Lesebrille verbringe ich heute viel Zeit beim Absuchen der Regale nach veganen Produkten. Nicht selten hilft mir dabei meine Tochter, die mit fachmännischem Blick vorangeht.

Ein schöner Nebeneffekt übrigens – welcher Teenager geht schon mit dem Vater einkaufen. Erfreut stelle ich zudem fest, dass immer mehr Produkte speziell als «vegan» gekennzeichnet sind.

Abgesehen davon haben durch die Vegan-Thematik die Konflikte in der Familie eher zugenommen. Etwa, wenn ich die endlosen Diskussionen am Esstisch über das Töten von Tieren nicht mehr hören kann. Und meine Tochter das als Desinteresse empfindet.

Tochter kocht selber

Aber es gibt auch positive Auswirkungen. Unsere pubertierende Tochter legt inzwischen immer öfter selber Hand an in der Küche. Backt vegane Kuchen, zaubert wunderbare Curry-Gemüse-Woks hin oder kocht raffinierte Menüs mit Süsskartoffel-Frites und anderen Köstlichkeiten. Und sie hat akzeptiert, dass auch mal ein Stück Fleisch auf dem Tisch stehen darf, ohne dass dies zu abendfüllenden Diskussionen führen muss.

Ein Gewinn

Der vegane Alltag hat uns eingeholt. Er bringt Unruhe, macht alles etwas komplizierter. Aber die vegane Ernährung hat unsere Küche vielseitiger gemacht. Und unsere Familie belebt.

von Robert Bossart,

publiziert am 23.11.2018


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