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Gesünder leben?

Mund auf gegen den Stress!

Entweder ist unser Kolumnist übergeschnappt, oder er hat tatsächlich eine geheime Wunderwaffe gegen die Anspannung im Alltag entdeckt: das Gähnen.

Es geschah an den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. Kurz vor dem Start zum Finale des Staffelrennens über 5000 Meter hielt der Eisschnellläufer Apolo Ohno den Stress, die Vorfreude und Aufregung über das bevorstehende Rennen nicht länger aus: Er gähnte. Die Aufmerksamkeit eines globalen Publikums war ihm sicher: Ein absolut eiskalter Hund musste das sein, wie er kurz vor dem grössten Moment seiner Karriere scheinbar gelangweilt das Scheunentor offen stehen liess.

In einem Interview lieferte Ohno kurze Zeit später eine Erklärung für sein sonderbares Verhalten nach: Er gähne absichtlich, es entspanne ihn. «Gähnen lässt frische Luft rein und den Stress raus», so der Amerikaner.

Geheimnis der Neurowissenschaft

Einer seiner Landsmänner dürfte ihm – so er in seiner Freizeit denn Eisschnelllaufen im TV schaut – freudig beigepflichtet haben: Andrew Newberg, ein Neurologe und Religionswissenschaftler der Universität von Pennsylvania. Er hält das Gähnen für «eines der bestgehüteten Geheimnisse der Neurowissenschaft». Verschiedene Untersuchungen des Gehirns hätten gezeigt, dass Gähnen einzigartige Impulse in jenen Regionen unseres Denkorgans auslöse, die auch dann aktiv sind, wenn Menschen sich mit ihrem Bewusstsein und ihrem sozialen Umfeld auseinandersetzen. Ähnlich wie Yoga und Meditation wirke sich das Gähnen deshalb direkt auf die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung eines Menschen aus, so Newberg. Seine Empfehlung: Man solle so häufig wie möglich gähnen. Insbesondere in stressigen und sozial anspruchsvollen Situationen, etwa vor einer Prüfung oder vor einem wichtigen Gespräch.

Fast schon professionell

Nun gut. Ich habe Newbergs Rat befolgt und mir im Verlaufe der letzten Wochen angewöhnt, wann immer möglich herzhaft zu gähnen – und zwar ungeachtet der jeweiligen Umstände. In beruflichen Situationen kann das bisweilen für Verwirrung sorgen, wobei ich gelernt habe, dass man auch gähnen kann, ohne sein Gegenüber anzubrüllen wie ein stummer Löwe. Zunächst lernte ich, überall und jederzeit zu gähnen. Waren zu Beginn noch drei, vier forcierte Kieferbewegungen nötig, um einen «echten» Gähner auszulösen, darf ich heute von mir behaupten, ein fast schon professionelles Niveau erreicht zu haben. Ich gähne auf Knopfdruck, bei Bedarf locker ein Dutzend Mal. Übung macht also auch hier den Meister.

Bewertung

Entspannungsfaktor: 4
Aufwand/Ertrag: 5
Suchtpotenzial: 5

Skala von 1 bis 5

Und ob Sie's mir nun glauben oder nicht: Es wirkt. Zwar treibt mir das Gegähne jeweils das Wasser in die Augen, sodass ich aussehe, wie frisch aus den Federn geschlüpft, aber die Wirkung ist tatsächlich verblüffend: Stress, Anspannung und Überforderung weichen einer ruhigen Bereitschaft, das Notwendige anzupacken und mit frischem Elan hinter sich zu bringen. Gähnte ich zunächst nur beim Schreiben am Computer, mache ich es heute sogar während des Tennisspielens, kurz vor dem zweiten Service in einem entscheidenden Game.

Meine Gegner müssen mich für einen eiskalten Hund halten.

von Lukas Hadorn,

publiziert am 02.07.2018


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