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Gesünder leben?

Nägelkauen – eine Angewohnheit zum Abgewöhnen

Nägelkauen ist eine unappetitliche, jedoch meist harmlose Eigenschaft, die vor allem Heranwachsende betrifft. Sie kann aber auch ein Indiz für eine tiefer liegende psychische Störung sein, der man Beachtung schenken sollte.

Verhaltenstipps: So lässt sich das Nägelkauen stoppen
  • In der Apotheke sind rezeptfreie Präparate erhältlich. Sie enthalten auch für kleine Kinder ungefährliche Bitterstoffe und machen die Betroffenen beim Kauen auf ihre schlechte Angewohnheit aufmerksam.
  • Teilweise sollen auch psychologische Techniken gegen das Nägelkauen helfen, z.B. die so genannte Entkopplungsmethode, welche an der Universität Zürich erfunden wurde.
  • Eine Maniküre, Hand- und Nagelpflege kann das Nägelkauen zwar nicht verhindern, aber Schlimmeres verhüten.
  • Älteren Mädchen kann man das Nägelkauen abgewöhnen, indem die Nägel durch künstliche Fingernägel verschönert werden.
  • Auch homöopathische Mittel gegen das Nägelkauen sind auf dem Markt . Helfen sollen das Calcium phosphoricum D12, das Ammonium bromatum D12 sowie das Sulfur D12.

Viele Eltern kennen das. Irgendwann so um das Kindergartenalter herum beginnt ihr Sprössling plötzlich an den Nägeln zu kauen. Experten schätzen, dass rund 20 Prozent der sieben- bis zehnjährigen Kinder betroffen sind. In anderen Quellen ist von bis zu 45 Prozent aller Heranwachsenden die Rede.

Primär eine Altersfrage

Glücklicherweise hört das Nägelkauen im Laufe der Zeit – meistens nach der Pubertät – wieder von selbst auf. Grund ist vermutlich die zunehmende Persönlichkeitsreife. Doch immerhin etwa jede zehnte Person gewöhnt sich diese schlechte Angewohnheit auch im Erwachsenalter nicht ab.

Onychophagie lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für das Nägelkauen (oder Nägelbeissen), eine Kombination der griechischen Wörter onychos für Nagel und phagein für essen. Nägelkauen kommt laut Angaben von Lehrpersonen bei zwei Gruppen von Kindern besonders häufig vor: Einerseits handelt es sich um motorisch unruhige, hyperaktive Kinder und andererseits um überängstliche, die sich nicht entfalten können.

Ein Auge zudrücken

Wenn Kinder beim Nagelkauen gesehen werden, sollten Eltern nicht gleich aktiv werden und überreagieren, empfehlen Experten. Wenn das nur hie und da passiert und das Nagelbett nicht verletzt wird, kann man durchaus ein Auge zudrücken.

Denn nicht jedes Verhalten hat eine tiefere Ursache, die einer Therapie bedarf. Oft ist das Fingernägelkauen eine Ersatzbefriedigung oder eine Folge von Nervosität, Stress, einem Problem in der Schule oder in der Familie. (...lesen Sie unten weiter)

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Nicht immer tatenlos hinsehen

Wenn der Nagel hingegen geradezu abgebissen, das Nagelbett verletzt wird und gar Entzündungen drohen, sollten Eltern nicht mehr tatenlos zusehen. Der inzwischen verstorbene Psychotherapeut Thorwald Dethlefsen sowie der Mediziner Ruediker Dahlke haben den Sachverhalt mit dem Nägelkauen in ihrem gemeinsamen Buch «Krankheit als Weg – Deutung und Bedeutung der Krankheitsbilder» in einem Kapitel beschrieben. Sie kommen zum Schluss, dass der psychische Hintergrund des Nägelkauens mit einer Neigung zur Selbstverletzung ziemlich eindeutig ist. Verbieten, drohen oder bestrafen erachten sie als ungeeignete Sanktionsmittel.

Fingernägel gleich Krallen

Das Pendant zu den Fingernägeln beim Menschen seien die Krallen bei Tieren. Krallen dienten primär der Verteidigung und dem Angriff, seien Werkzeuge der Aggression (deshalb auch «Krallen zeigen»). Nägelbeissen bedeute die Kastration der eigenen Aggressivität. Wer seine Nägel abbeisse, habe letztlich Angst vor seiner eigenen Aggression. Eltern sollten sich deshalb Gedanken machen, inwieweit sie mit ihrem Erziehungsstil Aggressionen beim Kind zu unterdrücken versuchten und dies ändern. Wenn das Kind gelernt habe, sich ohne Schuldgefühle zur Wehr zu setzen, würde das Nägelkauen mit der Zeit automatisch wieder verschwinden. Fazit der beiden Experten: Zwar sind die Eltern nicht schuld an den Störungen ihrer Kinder, aber die Kinder reflektieren in ihren Störungen die Probleme ihrer Eltern.

von Markus Sutter,

publiziert am 25.07.2018


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