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Gesünder leben?

Und jetzt einfach mal abschalten

Zwei Wochen ohne Smartphone? Im ersten Moment unvorstellbar. Ein Selbsttest zeigte jedoch: Was war das für eine schöne Zeit!

Mitte Juni machte ich das Ding einfach aus. Und deponierte es anfangs im Seitenfach der Autotür oder in der Handtasche – übertriebenes Sicherheitsdenken. Was, wenn ich mit einem Motorschaden liegen bleibe und den Abschleppdienst brauche? Oder für einen Fussgänger mit kollabierendem Kreislauf Hilfe organisieren muss?

Ortskundige fragen

Nun: Autopannen oder Notfälle gab es glücklicherweise keine. Und hätte es welche gegeben, wäre ich doch sehr wahrscheinlich auf jemanden mit Handy gestossen. Auch schaffte ich es, ohne, wie mir schien, unentbehrliches SBB-App zu reisen. Durchsagen des Zugpersonals und Info-Tafeln lotsen einen ebenfalls gut zum Anschlusszug oder durch fremde Städte. Oder man macht es wie früher und fragt Ortskundige. Sie geben noch immer gerne Auskunft, echt wahr.

Verlegenheitsgriff

Freilich gab es Momente der Leere. Wie die Zeit überbrücken und wohin mit den Händen, wenn das Tram noch nicht da ist? Normalerweise würde ich jetzt das tun, was ich bei anderen völlig unmöglich finde: Sofort den kleinen Apparat herausfingern und planlos darauf herumtippen. Ging ja nicht, er lagerte im Auto, das auf dem Park-and-ride-Platz stand.

Also Arme hängen und die Szenerie auf sich wirken lassen. Ein Gewusel wie auf dem Ameisenhaufen. Weiter entfernt das Wummern einer Baumaschine, glucksendes Kinderlachen, im Sonnenlicht glänzende Metall-Fassaden, Bratwurst-Geruch. Das alles hatte ich gar nicht mehr wahrgenommen.

Überdrehter Takt

Genau dies war Motivation zum Selbsttest. Es nervte zunehmend, wie mich das Smartphone immer und überall in Beschlag nahm. Besser gesagt: Wie ich mich davon besetzen liess und einem überdrehten Takt folgte, der mir nicht mehr behagte. Eintreffende Nachrichten verlangen schliesslich nach sofortiger Antwort – was subito Reaktionen auslöst, die unmöglich unbeantwortet stehen gelassen werden können.

Eine deutsche Studie hat gezeigt: Die Test-Personen schalteten im Schnitt über 80 Mal pro Tag das Smartphone an. Alle zwölf Minuten unterbrachen sie ihre Tätigkeit, um mal eben etwas nachzuschauen. Es wird also tatkräftig an der permanenten Zerstreutheit gearbeitet.

Banales abrufen

Wie oft es bei mir war, hatte ich nicht nachgezählt. Zu oft, das stand fest. Und in 90 Prozent der Fälle, um Banales und Irrelevantes abzurufen. Musste ich jetzt wirklich wissen, wie nächste Woche das Wetter am Bodensee wird? Oder auf der Vogelstimmen-App jenen Piepmatz eruieren, der allmorgendlich auf dem Balkon schon vor Sonnenaufgang zu zwitschern beginnt?

Ist nicht schlimm, machen fast alle, heisst es gern. Doch, es ist schlimm. Weil einen die Geräte absorbieren und unansprechbar machen. Dem – real anwesenden – Gegenüber vermittelt dies das Gefühl : Was sich gerade auf meinem Display abspielt, ist viel wichtiger.

Ausmachen und verstauen

Der Selbsttest weckte Erinnerungen an Peter Lustig und seine Kindersendung «Löwenzahn». Am Ende pflegte er zu sagen: «Und jetzt? Richtig. Abschalten!» Dies tue ich mit dem Smartphone immer öfter. Tagsüber ruht es meistens in einer Schublade. Und dort bleibt es manchmal auch dann liegen, wenn ich aus dem Haus gehe.

Weil es besser ist, selbst zu bestimmen, wann ich auf diesem Kanal wieder erreichbar sein will. Verpassen tue ich praktisch nie etwas. Denn in dringenden Fällen hat man mich im Home-Office längst per Mail oder Telefon erreicht – jenem guten alten, das auf dem Schreibtisch steht.


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