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Gesünder leben?

Alles eine Frage des Willens?

Warum essen wir mehr Erdnüsschen, wenn wir bei traurigen Filmen nicht weinen dürfen? Weshalb hören wir eher mit Rauchen auf, wenn wir einige Wochen auf Süsses verzichten? Ein Blick in die widersprüchliche Welt der Selbstkontrolle.

Nach ihren Stärken und Schwächen befragt, nennen Menschen eine bestimmte Eigenschaft selten als erste und dafür umso öfter als letzte: Selbstdisziplin. Was wir darunter verstehen oder auch Willensstärke nennen, bezeichnen Wissenschaftler als Selbstregulierung oder Selbstkontrolle: Die Fähigkeit, das, was wir fühlen, denken und tun, gesellschaftlichen Normen und Regeln oder persönlichen Zielen und Wertvorstellungen anzupassen.

Es gibt einen guten Grund dafür, dass das Thema die Wissenschaft schon länger umtreibt: Wer nicht jedes Mal sieben Paar Schuhe kauft, wenn gerade Ausverkauf ist, wer in der Bar nicht prinzipiell alle Salzfischchen isst und vor einer Prüfung auch mal aufs Feiern verzichten kann, wer also Impulse zu beherrschen und Wünsche aufzuschieben vermag, hat in der Regel mehr Erfolg in Schule und Beruf, lebt länger und gesünder und pflegt innigere Beziehungen. (Lesen Sie unten weiter …)

Motivieren Sie sich

Tipps für den Alltag
  • Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Selbstkontrolle ist eine begrenzte Ressource.
  • Wenn es Ihnen gerade schwerfällt, sich zusammenzunehmen: Besinnen Sie sich auf Ihre Ziele und Werte oder überlisten Sie sich, indem Sie sich eine kleine Belohnung in Aussicht stellen.
  • Vermeiden Sie Situationen, die es Ihnen schwerer machen, Selbstkontrolle auszuüben – etwa die Confiserie an der Ecke, wenn Sie sich gerade vorgenommen haben, drei Kilogramm abzunehmen.
  • Umgeben Sie sich mit Menschen, die Ihnen das gewünschte Verhalten vorleben.

Eine Ressource mit Grenzen

Willensstärke, haben Forscherinnen und Forscher herausgefunden, ist nicht einfach etwas, das man hat oder nicht. Man kann sie sich antrainieren. Doch genauso wie wir zwar längerfristig kräftiger werden, wenn wir regelmässig Turnübungen machen, aber nach ein paar Dutzend Liegestützen erst einmal flachliegen, sind auch unsere Ressourcen zur Selbstkontrolle irgendwann fürs Erste ausgeschöpft und müssen erst erneuert werden.

Wenn unsere Selbstkontrolle nachlässt, werden wir impulsiver, ungehemmter und manchmal auch aggressiver; wir fallen in unsere alten Gewohnheiten zurück und reagieren automatisch statt bewusst. Der amerikanische Sozialpsychologe Roy Baumeister, der sich schon lange mit dem Thema beschäftigt, beschreibt ein Experiment, in dem hungrigen Versuchspersonen entweder Erdnüsschen mit oder ohne Schale gereicht wurden. Gab man Personen, deren Selbstkontrolle bereits erschöpft war – etwa, weil sie sich davor einen traurigen Film angesehen hatten, zu dem sie keine emotionale Reaktion zeigen durften – die geschälten Nüsschen, assen sie mehr davon als Probanden, die ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatten halten müssen. Stellte man diesen Personen aber Erdnüsschen mit Schale hin, war das Gegenteil der Fall: Nun assen sie weniger als die anderen. Wer sich vorher hatte zusammennehmen müssen, der mochte nun offenbar nicht auch noch Nüsschen schälen.

Wann weniger Selbstkontrolle nützt

Wir übertragen aber nicht nur unsere Erschöpfung auf andere Bereiche, sondern auch das, was wir uns an Selbstkontrolle antrainiert haben: So zeigt etwa eine Studie, dass, wer mehrere Wochen regelmässig leichte Sportübungen absolviert oder sich bei Süssigkeiten zurückhält, auch eher erfolgreich dabei ist, mit Rauchen aufzuhören.

Dass wir aber manchmal einfach tun, was uns leichter von der Hand geht, ist nicht immer nur von Nachteil. Nicht nur schlechte, sondern auch gute Gewohnheiten steuern unser Verhalten mehr, wenn unsere Selbstdisziplin nachlässt; und auch, dass wir uns in solchen Situationen mehr davon leiten lassen, was andere für richtig halten, hat seine guten Seiten: Wenn alle um uns herum an einem Benefizanlass grosszügig spenden oder in der Konferenzpause nach einem Apfel greifen statt nach einem Snickers, tun wir dies auch eher.

von Ümit Yoker,

publiziert am 04.09.2018


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