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Gesünder leben?

«Göttliche Gleichmut»

Lassen sich Stress, Kopfschmerzen oder Übelkeit mit sanftem Fingerdruck vertreiben? Unser Kolumnist übt sich in der Kunst der Akupressur – und ist angenehm überrascht.

Als regelmässige Leser dieser Kolumne wissen Sie, dass ich fernöstlichen Philosophien zugeneigt bin, wenn es ums Thema Entspannung geht. Andere schwören auf deutsche Autos, italienisches Essen oder skandinavische Möbel, mir haben es chinesische Heil- und Entspannungsmethoden angetan, von Akupunktur über Rückwärtsgehen (dazu ein anderes Mal mehr) bis Qigong.

Als ich mir neulich anlässlich eines unangenehmen Kopfschmerzes, der mich ausgerechnet im Flugzeug überfiel, mit den Fingern die Stirn massierte, was den Kopfschmerz aber nur noch zu verstärken schien, nahm ich mir vor, mehr übers Thema Akupressur zu erfahren – ebenfalls eine asiatische Heilmethode jahrtausendealten Ursprungs.

Bücher zum Thema gibt es genug, ich entschied mich für das Werk eines österreichischen Professors, der in der Einleitung mit einer – in wahrem Wortsinne – einleuchtenden Analogie aufwartete, um das Wirkungsprinzip der Akupressur zu erklären: Sie funktioniere wie ein Lichtschalter. Man muss die in den Wänden versteckten Stromleitungen nicht sehen, geschweige denn die Funktionsweise von Kraftwerken und Hochspannungsleitungen verstehen, um zu erfahren, welch grosse Wirkung der kleine Schalter hat. So soll es sich auch mit der Akupressur verhalten.

Grausame Bezahlung

Im praktischen Teil des Buchs wurde eine ganze Reihe von Griffen und Techniken beschrieben, die bei so unterschiedlichen Beschwerden wie Bettnässen, Nikotinentwöhnung oder Seekrankheit helfen sollen. Im Falle von Stress empfiehlt sich eine Übung namens «Göttlicher Gleichmut», bei der ein Punkt vier Finger breit unterhalb der äusseren Kniegelenksgrube während fünf Minuten mittelstark gedrückt wird. Ich schluckte meine Enttäuschung darüber, keine der deutlich aufregender klingenden Übungen wie «Hervorströmender Frühling», «Taubenschwanz» oder «Grausame Bezahlung» zugeteilt bekommen zu haben, herunter und begann, meine Knie zu massieren.

Bewertung

Entspannungsfaktor: 4
Aufwand vs. Ertrag: 5
Suchtpotenzial: 4

Skala von 1 bis 5

Die Wirkung überraschte mich positiv. Vielleicht sorgte schon die Tatsache, dass ich mich ganz konzentriert einer Stelle meines Körpers hingab, während ich bewusst ein- und ausatmete, für die nötige Entspannung. Vielleicht hatte ich tatsächlich die Energie entlang meiner Meridiane wieder zum Fliessen gebracht. Jedenfalls machte sich in mir schon bald eine angenehme Ruhe breit, ein Effekt, der sich bisher jedes Mal wiederholen liess.

Ich lernte weiter von Energiezentren zur Stärkung körperlicher, aber auch seelisch-geistiger Widerstandskräfte und notierte mir sicherheitshalber die Übung für Migräne. Seither warte ich darauf, endlich mal wieder von einem fiesen Kopfschmerz heimgesucht zu werden. Ich werde ihm auf Augenhöhe begegnen. Mit göttlichem Gleichmut.

von Lukas Hadorn,

publiziert am 27.10.2017


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