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Gesünder leben?

«In über 95% der Fälle wird man mit Antibiotika nicht schneller gesund»

Antibiotika sind bei Erkältung oder Blasenentzündung nur selten nötig, sagt der Infektiologe Philip Tarr. Was stattdessen hilft.

Mit dem kühleren Wetter hat die «Erkältungssaison» wieder begonnen. Kürzt ein Antibiotikum den Verlauf einer Bronchitis ab, Herr Tarr?

Eine Bronchitis wird in über 95 Prozent der Fälle durch Viren verursacht. Antibiotika nützen aber nur gegen Bakterien. Deshalb sind sie bei einer Bronchitis in den allermeisten Fällen zwecklos und man wird damit nicht schneller wieder gesund.

Aber wenn hinter dem Husten eine Lungenentzündung steckt? 

Nur fünf Prozent der Patienten, die wegen Husten zum Hausarzt gehen, haben eine Lungenentzündung. Es gibt Zeichen, die auf eine Lungenentzündung hindeuten: Wenn das Herz mindestens 100-mal pro Minute schlägt, wenn man mindestens 20-mal in der Minute einatmen muss oder wenn man mindestens vier Tage lang Fieber über 38 Grad Celsius hat. Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlicher, dass eine Lungenentzündung besteht, die dann antibiotisch behandelt werden sollte.

Und wenn man vier Wochen nach einer Erkältung immer noch hustet? 

Nach einer viralen Bronchitis kann der Husten durchaus einmal bis zu fünf Wochen dauern. Es ist wichtig, dass die Patienten das wissen, damit sie nicht beunruhigt sind, wenn er nach zwei Wochen nicht weg ist. Hält er aber länger als vier bis fünf Wochen an, würde ich raten, zum Arzt zu gehen.

Was ist bei Halsweh oder Mandelentzündung: Helfen da Antibiotika? 

Das kommt darauf an. Die grosse Mehrzahl der Patienten profitiert nicht davon, auch nicht im Hinblick auf Komplikationen wie einen Mandelabszess. Halsweh ist meist nach vier bis sieben Tagen von allein wieder weg. Wenn es länger dauert, steckt oft das Pfeiffersche Drüsenfieber dahinter, das von einem Virus verursacht wird. Auch da hilft ein Antibiotikum nicht.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Eine gute Möglichkeit ist zum Beispiel, dem Patienten ein Rezept für ein Antibiotikum mitzugeben, ihm alles gut zu erklären und ihn zu bitten, etwa 72 Stunden zu warten. Wenn die Erkrankung sich verschlechtert oder bis dann nicht besser ist, soll er das Rezept einlösen. So lassen sich zwei Drittel der unnötigen Antibiotika-Behandlungen vermeiden.

Angenommen, das Halsweh wird von Scharlach-Bakterien verursacht: Bräuchte es dann nicht ein Antibiotikum? 

Auch dann ist Bettruhe am besten, genug zu trinken, liebevolle Zuwendung und die Versicherung, dass es nicht schneller weggeht, wenn man ein Antibiotikum nimmt. Das früher gefürchtete rheumatische Fieber, das zu Gelenk- und Herzschäden führte, gibt es erstens heute kaum noch. Und zweitens wird es durch ein Antibiotikum nicht verhindert. Auch Scharlach ist heute meistens eine gutartige, milde Erkrankung, die von alleine wieder weggeht.

Kann man irgendetwas gegen eine Erkältung tun? 

Drei- bis viermal pro Tag mit Wasser gurgeln reduziert die Zahl der Viren. Auch Echinacea oder der Extrakt aus Wurzeln der Kapland-Pelargonie können helfen. Zinksupplemente kürzen die Symptomdauer zwar ab, schmecken aber unangenehm und verursachen ab und zu Übelkeit. Das allerwichtigste Mittel ist jedoch gute Händehygiene: Damit schützt man andere und sich selbst. Mehr als die Hälfte der Grippekranken beispielsweise haben sich über die Hände angesteckt und nicht, weil sie angehustet wurden. (Lesen Sie unten weiter...)

Gut zu wissen bei Erkältungen

Von Ärzten ist immer wieder zu hören, dass Patientinnen und Patienten unzufrieden sind, wenn sie kein Antibiotikum bekommen. 

Dazu gibt es Studien. Demnach sind die Erkrankten sehr zufrieden, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Sie möchten, dass ihnen der Arzt zuhört und sie ernst nimmt. Dass er ihnen die Krankheit erklärt. Und dass er ihnen ausführlich darlegt, wie das weitere Vorgehen ist und wie die Krankheit vermutlich verlaufen wird.

Bei Frauen mit Blasenentzündung verordneten die meisten Ärzte bis vor Kurzem ein Antibiotikum. Jetzt kommen mehr und mehr davon ab. Weshalb? 

Bisher gibt es drei Studien, in denen verglichen wurde, wie es den Patientinnen mit oder ohne Antibiotikum geht. Bei etwa 95 Prozent genügte ein Schmerzmittel und viel trinken, damit die Blasenentzündung von allein verschwand.

Und die anderen fünf Prozent? 

Bei denen kam es zur Nierenbeckenentzündung. Diese Zahl ist etwas höher, als wenn man alle mit Antibiotikum behandelt.

Wieso halten Sie es trotzdem für sinnvoll, nicht immer sofort ein Antibiotikum zu geben? 

Weil immer mehr der Bakterien, die Blasenentzündungen hervorrufen, resistent dagegen werden. Das trifft übrigens auch bei den Lungenentzündungen zu.

Ein Grossteil der Schuld wird aber doch bei den Tiermästern geortet, die Antibiotika zu leichtfertig einsetzen? 

Wir sollten nicht zu fest über sie schimpfen, sondern uns lieber an die eigene Nase fassen: Fast die Hälfte der Antibiotika, die von Hausärzten verordnet werden, sind nicht nötig.

Wenn man nun doch einmal ein Antibiotikum nehmen muss: Sollte man es nehmen, bis die Packung leer ist? 

Nicht unbedingt. Bei jeder Antibiotika-Behandlung gilt: Möglichst kurz und in ordentlicher Dosierung. So schädigt man die krankmachenden Bakterien am meisten und gibt ihnen weniger Chancen, eine Resistenz zu entwickeln, als wenn das Antibiotikum unnötig lange oder nur schwach dosiert genommen wird. Bei bakterieller Halsangina zum Beispiel wird eine Einnahmedauer von sechs Tagen empfohlen.

von Dr. med. Martina Frei,

publiziert am 09.11.2018


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