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Gesünder leben?

Bio-identische Hormone sind nur in zwei Situationen sinnvoll

Individuell zusammengestellten «Biohormonen» werden wunderbare Wirkungen ohne Risiko nachgesagt. Wissenschaftler haben die Werbeaussagen überprüft.

Glaubt man den Anpreisungen, sind «Biohormone», die individuell dosiert und zusammengestellt werden, wunderbar: Natürlich, sehr wirksam, ohne Nebenwirkungen oder Risiko, sollen sie – angeblich – gegen diverse Gesundheitsprobleme helfen, von depressiven Verstimmungen über Gelenkschmerzen bis zu Wassereinlagerungen. Nicht zu reden vom Verjüngungseffekt.

Chemisch entsprechen diese auch «bio-identisch» genannten Hormone den körpereigenen Hormonen. Sie werden beispielsweise aus Soja oder der Yamswurzel gewonnen und weiterverarbeitet zu Cremes, Pillen oder anderen Produkten.

Individuelle Verordnung

En vogue sind auch Biohormone, die für den jeweiligen Menschen individuell zusammengestellt werden und nicht von einer Arzneimittelbehörde offiziell zugelassen sind.

Zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Behauptungen zur Wirkung solcher zusammengestellter Hormone übergeprüft (Link auf Englisch) und im Auftrag der renommierten US-amerikanischen «National Academies of Sciences, Engineering and Medicine» einen Bericht verfasst.

Nur in zwei Situationen sinnvoll

Um sich eine Meinung zu bilden, bezogen die Wissenschaftler unter anderem die Erfahrungen von Patienten ein, sprachen mit Ärzten, die bio-identische Hormone verordnen, studierten die wissenschaftliche und die allgemeine Fachliteratur dazu und nahmen mit Herstellern Kontakt auf.

Beweise für die Wirksamkeit und die Sicherheit der individuell zusammengestellten bio-identischen Hormone fand das Gremium jedoch kaum, geschweige denn Belege dafür, dass die Marketingbehauptungen stimmen. Deshalb kommen die Wissenschaftler zum Schluss, dass die individuell verordneten Biohormone höchstens in zwei Situationen eingesetzt werden sollten.

(Fortsetzung weiter unten …)

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Erstens: Wenn ein Mensch gegen die von der Arzneimittelbehörde zugelassenen Hormonpräparate allergisch ist. Und zweitens, wenn er eine bestimmte Dosis benötigt, für die es kein zugelassenes Präparat gibt.

Der Grund für diese Empfehlung sind nicht nur fehlende Nachweise der Wirksamkeit, sondern auch Sicherheitsbedenken. Wenn die Biohormone chemisch identisch sind mit den von der pharmazeutischen Industrie hergestellten, dann wären logischerweise auch dieselben Risiken für Nebenwirkungen wie etwa Thrombosen zu erwarten. Doch Untersuchungen dazu gibt es kaum.

Ungenaue Dosierung

Es könne auch leicht zu Über- oder Unterdosierungen kommen, Verunreinigungen mit anderen Substanzen seien ebenfalls gegeben, warnen die Wissenschaftler. Die Dosis der Biohormone wird oft anhand von Speicheltests ermittelt, doch manche davon gelten als wenig zuverlässig.

Denn die Konzentration vieler Hormone schwankt stark, somit ist die Probe nur eine Momentaufnahme. Ausserdem kann die Konzentration des Hormons im Speichel anders sein als diejenige am Wirkort. Auch in diesem Fall wäre der Speicheltest nicht aussagekräftig.

Finanzielle Anreize

Dass die bio-identischen Hormone individuell verordnet würden, könne den Konsumenten suggerieren, dass es sich dabei um eine «personalisierte» Medizin handeln würde, kritisiert das Gremium und bemängelt auch, dass finanzielle Verflechtungen auf diesem Gebiet zu wenig offengelegt würden, zum Beispiel zwischen den Personen, die bio-identische Hormone verordnen oder vertreiben, und den Herstellern.

von Dr. med. Martina Frei,

veröffentlicht am 04.09.2020


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