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So hält der Chefmediziner unser Olympiateam fit

Patrik Noack ist oberster Mediziner der Schweizer Olympia-Delegation in Tokyo. Er gibt Auskunft über seinen Job, Doping während Corona und seine Highlights an Wettkämpfen.

Das Highlight seiner eigenen Sportkarriere war, als Teenager «ein Treppchen höher zu stehen auf dem Podest als Viktor Röthlin», sagt Patrik Noack und lacht. Er ist der ranghöchste Mediziner der Schweizer Delegation bei den Olympischen Spielen in Tokyo. «Das Siegerfoto dieses Volksbankgrandprix über fünf Kilometer in Bern ist ganz gross im Album.» Der 47-Jährige sieht nicht nur sportlich aus, er ist es auch. Er selber war Mittelstreckenläufer über 1500 Meter, später kam er über seine Frau zum Triathlon. Kein Wunder, dass er nach seinem Facharzt in Innerer Medizin auch den Fähigkeitsausweis Sportmedizin in Magglingen machte. Zur selben Zeit weilten auch Viktor Röthlin und Christian Belz dort, alle 1974 geboren wie Noack – ein illustrer Jahrgang. Die Beziehungen zu Trainern und Kollegen, die Noack während sieben Jahren in Magglingen knüpfte, sind auch wichtig für seine Tätigkeit als Verbandsarzt.

Was macht eigentlich ein Verbands- und Olympia-Arzt?

Patrik Noack: Ich bin das ganze Jahr da für Fragen der Athleten, auch am Wochenende. Die Hauptarbeit fällt zuhause an, nicht an den Wettkämpfen. Ziel ist die Prophylaxe von Verletzungen und Krankheiten. Infekte gilt es vor allem bei Ausdauersportlern zu vermeiden. Da spielt uns zurzeit Corona in die Hände, weil die Schutzmassnahmen bereits im Winter durch Maskentragen besser waren als üblich. Auch bei Bustransfers und Reisen schützt eine Maske vor Infekten. Dann organisiere und betreue ich die jährlichen sportärztlichen Untersuchungen der Athleten. Am Ende der Saison ziehe ich mit jedem Sportler eine Bilanz und erstelle bei Bedarf einen Massnahmenplan. Anhand von Blutproben prüfe ich, ob ein Mineral- oder Vitamin-Mangel besteht und berate die Sportler rund um die Einnahme von Supplementen und Neuerungen auf der Dopingliste. Im Vorfeld der Olympischen Spiele stelle ich nach Rücksprache mit den Verbänden ein Ärzte- und Physiotherapeutenteam zusammen, welches in Tokyo die Schweizer Athleten an den jeweiligen Austragungsorten medizinisch betreut.

Was ist das Besondere an Tokyo?

In Tokyo sind grosse Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit die Herausforderungen für die Athleten. Wir machten deshalb im Vorfeld eine Reko-Reise, um selber zu spüren, wie es ist.

Und?

Heftig. Zum Glück haben wir durch das BASPO eine Hitzekammer im Velodrome in Grenchen. Dort konnten die Athleten ein Hitzetraining absolvieren. Ausserdem empfehle ich Kühlwesten als Pre-Cooling vor den Wettkämpfen sowie ein internal cooling mit so genannten «ice slurries» vor und während dem Wettkampf. Das muss natürlich alles getestet werden.

Was ist kurz vor dem Start der Olympischen Spiele wichtig?

Corona ist natürlich aktuell. Wer Corona hatte, sollte 10 Tage keinen Sport treiben, weil das Virus diverse Organe wir Herz und Lunge angreifen kann, was zum Glück selten der Fall ist, aber gefährliche Folgen hat. Auch die Organisation von PCR- und anderen Tests nimmt Zeit in Anspruch, besonders wenn Flüge abgesagt und die Tests wiederholt werden müssen, weil sie nur 72 Stunden alt sein dürfen. Zusätzlich gebe ich Tipps, wie sich ein Jetlag verhindern lässt: Drei Tage vor dem Flug stets eine Stunde früher zu Bett gehen und eine Stunde früher aufstehen. Am Tag des Fluges mit der Tokyo-Uhrzeit ins Flugzeug steigen und dann den ganzen Tokyo-Tag über wach bleiben.

Die Zeitdifferenz zu Tokyo beträgt sieben Stunden. Ist es in der Schweiz 22 Uhr, bricht in Tokyo um fünf Uhr morgens bereits der nächste Tag an. Patrik Noack bezieht jeweils ein Tageshotel vor dem Abflug. Dort schläft er, wenn am Zielort die Nacht anbricht. Bei einem Abendflug in den Osten ist er im Flugzeug häufig der einzige, bei dem das Leselämpchen während des gesamten Fluges brennt. Da Lesen neben Joggen, Velofahren, Schwimmen und Reisen ein Hobby von ihm ist, gelingt das meistens bestens. Seine Frau und die zwei Buben begleiten ihn auf diesen Reisen nicht, dafür entdecken sie privat gerne stets neue Länder und Städte.

Was machen Sie vor Ort?

Wir sind vier Ärzte, ein Sportpsychologe, 11 Physiotherapeuten und zwei Osteopathen. Ich komme zum Glück vorwiegend bei leichten Verletzungen und Krankheiten zum Einsatz. Wenn jemand ins Spital muss oder eine Repatriierung ansteht, ist es für verletzte Athleten und Betreuer beruhigend, ein bekanntes Gesicht zu sehen. An Olympischen Spielen sind die Feldmediziner des Gastgeberlandes an vorderster Front. Erst danach kommen die Teamärzte und Physiotherapeuten aus dem Land der Athleten zum Zuge. Bei grossen Wettkämpfen wie einer WM oder Olympischen Spielen bin ich jeweils selber vor Ort. Bei anderen Anlässen sind die Physiotherapeuten alleine da, die mich bei Verletzungen oder Krankheiten von Sportlern via Skype oder Telefon zuhause kontaktieren.

(Fortsetzung weiter unten…)

Sie sind auch Allgemeinmediziner – hilft Ihnen das bei Olympia?

Ja, sehr. Meistens sind es kleine Verletzungen, die anfallen. Ein Fremdkörper befindet sich im Auge, im Ohr brennt es, ein Zeh ist entzündet oder die Nase blutet. Dazu kommen Erkältungen, Durchfall oder auch Asthma. Dabei ist das Know-how eines Praxisarztes Gold wert. Wichtig dabei: Wir haben Medikamente in unseren Rucksäcken, die in der Schweiz zugelassen sind. Die kennen wir und auch die Patienten. Das gibt Sicherheit. Wir haben geläufige Medikamente wie Dafalgan oder Voltaren dabei, aber auch Salben für alle möglichen Hautprobleme.

Patrik Noack arbeitet als Allgemein- und Sportarzt im Medbase Zentrum für Medizin und Sport in Abtwil und ist Leiter der Gruppenpraxis. Der 47-Jährige ist Chefmediziner von Swiss Olympic, Swiss Athletics und Swiss Cycling. Ausserdem betreut er als Verbandsarzt Swiss Triathlon, Swiss Taekwondo und Swiss Ski Nordisch. Als Teamarzt betreut er seit 2005 die Triathleten, dann folgten Langläufer, Bobfahrer, Mountainbiker­, Bahn- und BMX-Fahrer sowie 2015 auch die Leichtathleten. Seit den Olympischen Spielen in Pyeongchang 2018 ist er auch Chief Medical Officer des Swiss Olympic Team und somit medizinischer Leiter der Schweizer Delegation bei Olympischen Spielen. Nach Pyeongchang 2018 wird er auch in Tokyo 2021 und Peking 2022 höchster Mediziner der Schweizer Delegation sein.

Sind alle Sportarten gleich intensiv in der Betreuung?

Kontaktsportarten haben ein eigenes Verletzungsmuster, da kommen Verstauchungen, Prellungen, Brüche und andere Verletzungen vor. Bei Ausdauersportarten geht es meistens darum, keine Infekte oder Überlastungsverletzungen einzufangen.

Wie erleben Sie die Coronazeit?

Für mich war aus sportmedizinischer Sicht besonders auffallend, dass während dieser Zeit in gewissen Sportarten gewisse Athleten so stark wie nie zuvor waren. Das wirft einige Fragen auf.

Welche?

Vielleicht war durch die weggefallenen Wettkämpfe ein effizienteres Grundlagentraining möglich. Durch die Pandemie fielen aber auch zahlreiche Dopingkontrollen weg. In der Schweiz wurden rund die Hälfte, weltweit nur fünf bis zehn Prozent der üblichen Tests durchgeführt. Ich will hier nicht direkt etwas Böses vermuten, es muss aber erwähnt werden.

Wie beurteilen Sie die Doping-Situation bei den Schweizer Sportlerinnen und Sportlern? Sind sie «sauber»?

Diese Frage ist mit dem Fakt, dass in der Schweiz auch während Corona im internationalen Vergleich viel getestet wurde, beantwortet.

Gibt es eine Medaille, an der Sie aktiv mitgewirkt haben?

Die grösste und retrospektiv auch die schönste Herausforderung war im Winter eine komplizierte Verletzung von Dario Cologna. Er hatte sich einen Innen- und Aussenbandriss sowie einen Syndesmosebandriss am rechten Fuss zugezogen. Und das am 11. November 2013, drei Monate vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Da war uns allen klar, dass seine Teilnahme an einem seidenen Faden hing. Dank eines grossartigen Teamworks konnte er tatsächlich starten und gewann zwei Goldmedaillen. Im Sommer war dies bei Nicola Spirig der Fall mit dem Bruch von drei Mittelhandknochen vor den olympischen Spielen in Rio, wo wiederum durch ein Teamwork ein Medaillenerfolg möglich war. Aber schlussendlich sind es die Athletinnen oder Athleten selbst, die den Erfolg trotz Hindernissen erzielen.

(Fortsetzung weiter unten…)

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Leiden Sie mit, wenn sich ein Athlet verletzt?

Ja, bei allen Verletzungen.  Am schlimmsten ist, wenn ein Triathlet oder Velofahrer nach einem Sturz am Boden liegen bleibt. Da möchte man als betreuender Arzt so schnell wie möglich zum Athleten.

Wann jubeln Sie?

Ich fiebere mit jedem Athleten mit! Für mich ist klar: Ich mache diesen Job als Verbandsarzt so lange, wie ich beim Wettkampf Hühnerhaut bekomme. Und das ist immer noch der Fall.

Kommen Sie überhaupt dazu, «als Zuschauer» Wettkämpfe zu verfolgen?

Dort wo ich als Betreuer vor Ort sein kann, habe ich je nach Position die Gelegenheit, die Wettkämpfe mitzuverfolgen.  

Und wenn keine Zeit fürs Mitfiebern bleibt, kann sich der Chefmediziner mit einer Mahlzeit trösten. Neben der italienischen Küche liebt er asiatisches Essen, insbesondere Sushi.

von Silvia Schütz,

veröffentlicht am 13.07.2021, angepasst am 22.07.2021


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