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Gesünder leben?

13 Vitamin-D-Mythen im Faktencheck

Wann eine Vitamin-D-Bestimmung Sinn macht, warum der Mangel oft hausgemacht ist und was das Vitamin wirklich kann. Der Faktencheck von iMpuls.

Behauptung 1: Vitamin D ist ein Hormon

Richtig. Im Gegensatz zu allen anderen Vitaminen kann der Körper das Vitamin D selbst herstellen – vorausgesetzt, die Haut bekommt genug Sonnenlicht. Denn hier werden etwa 85 Prozent des Vitamins (aus Cholesterin) gebildet. Dank der UVB-Strahlung im Sonnenlicht kann der Körper in mehreren Schritten das Hormon «1,25-Dihydroxyvitamin D» bilden. Es bewirkt, dass mehr Kalzium aus der Nahrung aufgenommen wird und die Knochen vermehrt Kalzium einlagern. Dadurch werden sie härter. Auch die Muskeln werden dank Vitamin D kräftiger.

Behauptung 2: Vitamin D hat vielfältige Wirkungen

Ja, es kann an beinahe alle Zellen des Körpers andocken. Vitamin D beeinflusst das Immunsystem ebenso wie das Zellwachstum, die Nerven und Muskeln. Zudem kann es Entzündungsvorgänge bremsen. Ob all dies aber auch therapeutisch bei Erkrankungen von Bedeutung ist, wird unter Fachleuten derzeit intensiv diskutiert.

Behauptung 3: Die Unterversorgung mit Vitamin D ist teilweise «hausgemacht»

Genau. Wer keine Sonne an seine Haut lässt oder nur mit Sonnenschutzmittel draussen ist, hat keine Chance, Vitamin D selbst zu bilden. Denn dazu braucht es UV-Licht auf der Haut. Zuviel UV-Licht kann aber Hautkrebs auslösen. Fachleute empfehlen Erwachsenen deshalb, von März bis Oktober Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen täglich fünf bis 25 Minuten von der Sonne bescheinen zu lassen, um die Vitamin-D-Speicher zu füllen. Wie viel Zeit genau nötig ist, hängt ab von der Sonnenintensität, der Hautfarbe (hellhäutige Menschen produzieren mehr Vitamin D als dunkelhäutige), dem Alter und dem Gewicht. Übergewichtige Menschen haben einen höheren Bedarf an Vitamin D. Auch im Winter ist es sinnvoll, täglich etwa 15 bis 20 Minuten ins Freie zu gehen, möglichst mit unbedecktem Gesicht und Händen.

Behauptung 4: Der Vitamin-D-Bedarf lässt sich mit der Nahrung decken

Nein. Pro Tag benötigt der Mensch rund 20 Mikrogramm Vitamin D. Circa 85 Prozent davon kann der Körper bei genügend Sonnenbestrahlung selbst herstellen. Die Nahrung liefert täglich etwa zwei bis vier Mikrogramm Vitamin D; insgesamt stammt maximal ein Fünftel des Vitamins aus (meist tierischen) Lebensmitteln.

Den höchsten Gehalt haben Meeresfische wie Hering, Aal, Makrele oder Lachs. Auch Eigelb, Milch, manche Pilze wie Zuchtchampignons, sonnengetrocknete Lebensmittel oder mit dem Vitamin angereicherte Lebensmittel wie Margarine enthalten etwas davon. Um den Bedarf ausschliesslich über die Nahrung zu decken, müsste ein Erwachsener aber zum Beispiel jeden Tag über 500 Gramm Eier essen.

Weil auch Muttermilch nur wenig Vitamin D enthält und Säuglinge in der Regel nur wenig der Sonne ausgesetzt sind, bekommen kleine Kinder routinemässig Vitamin D, um Wachstumsstörungen vorzubeugen.

Behauptung 5: Zu einem «Check-up» gehört die Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels im Blut

Nein. Vitamin-D-Tests zählen zwar zu den Spitzenreitern unter den Labortests – aber sie sind meist unnötig. In der kanadischen Provinz Alberta (mit 4,5 Millionen Einwohnern) beispielsweise wurden jährlich rund 310’000 Vitamin-D-Analysen durchgeführt. Dann durften diese Blutuntersuchungen nur noch gemacht werden, wenn sie medizinisch sinnvoll sind – und plötzlich sank die Zahl dieser Tests rapide um 92 Prozent. Das sparte umgerechnet rund vier Millionen Franken pro Jahr. Seit langem raten Fachleute nur dann zum Bestimmen des Vitamin-D-Spiegels, wenn ein höheres Risiko für einen gravierenden Mangel besteht. Das ist der Fall bei Menschen,

  • die sich bei einem vergleichsweise kleinen Unfall schon einen Knochen gebrochen haben
  • bei Osteoporose
  • bei chronischen Darm-, Leber- oder Nierenerkrankungen
  • wenn Medikamente nötig sind, die den Kalzium- oder Vitamin-D-Stoffwechsel beeinflussen
  • bei Menschen, die eine dunklere Hautfarbe aufweisen.

Behauptung 6: Vitamin-D-Mangel ist weit verbreitet

Das kommt darauf an, zu welcher Jahreszeit das Blut untersucht wird. Im Sommer haben 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer genügend Vitamin D im Blut. Im Winter dagegen hat über die Hälfte einen Vitamin-D-Spiegel unterhalb des empfohlenen Werts von 50 nmol/l (Nanomol pro Liter Blutserum). Denn ab Oktober ist die Sonneneinstrahlung geringer, so dass die Haut nicht mehr so viel Vitamin D bilden kann. Vor allem Muskeln und Fettgewebe speichern aber viel davon. Der Körper kann also eine Weile von diesen «Sommervorräten» zehren.

Wie häufig ein Vitamin-D-Mangel diagnostiziert wird, hängt noch von einem zweiten Faktor ab: der Definition, was als normal gilt. Noch vor gut zehn Jahren diagnostizierten Ärzte kaum je einen Vitamin-D-Mangel bei ihren Patienten. Dann plädierte der amerikanische Vitamin-D-Forscher Michael Holick dafür, dem Vitamin mehr Beachtung zu schenken und setzte sich dafür ein, den Grenzwert anzuheben, der einen Mangel definiert. Würde man diesen Rat befolgen, hätten auf einen Schlag mehr als 80 Prozent der Europäer und über die Hälfte der Weltbevölkerung einen Vitamin-D-Mangel, wandten andere Ärzte damals ein.

Heute gehen viele Ärzte davon aus, dass die Vitamin-D-Unterversorgung weit verbreitet sei. Deshalb bekommen immer mehr Menschen dieses Vitamin verordnet: In der Schweiz zum Beispiel wurden 2016 über 14 Millionen solche Präparate ärztlich verschrieben – mehr als doppelt so viele wie nur drei Jahre zuvor.

Behauptung 7: Vitamin-D-Werte unter 50 zeigen einen Mangel an

Das hängt von den Richtlinien ab. Das Eidgenössische Bundesamt für Gesundheit und auch das US-Institute of Medicine stufen Vitamin-D-Werte unter 50 (Nanomol pro Liter Blutserum, nmol/l) als Mangel ein.

Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) dagegen spricht erst ab Werten von unter 30 (nmol/l) von Mangel. Die US «Endocrine Society» wiederum, eine Fachvereinigung von Hormonspezialisten, hält alles unter 75 (nmol/l) für einen Mangel.

In der Schweiz gelten Vitamin-D-Spiegel von über 50 als ausreichend und von 75 (nmol/l) als optimal – die DGE hingegen erachtet bereits 50 nmol/l als Zeichen einer guten Vitamin-D-Versorgung. Offen ist, wer Recht hat. (Lesen Sie unten weiter...)

Weiterführende Informationen zu Vitamin D

Vitamin D wird empfohlen, wenn man...
  • längere Zeit im Spital oder in Pflegeheimen verbringt, häufig stürzt oder älter ist und einen Sturz hatte, 
  • an Osteoporose,
  • Darm- oder Nierenerkrankungen leidet,
  • Medikamente gegen Epilepsie nimmt,
  • Neugeborene bis zum zweiten erlebten Frühsommer (also etwa ein bis eineinhalb Jahre lang) ausreichend versorgen will.

Wichtig ist, für eine ausreichende (aber keine übermässige) Kalziumzufuhr zu sorgen. Als Richtwert gelten 1000 Milligramm Calcium pro Tag. Kalziumrechner helfen, die mit der Nahrung aufgenommene Menge zu ermitteln.

Empfohlene Tagesdosis

  • 400 IE (Internationale Einheiten) für Säuglinge
  • 600 IE für Erwachsene bis 60 Jahre sowie für schwangere und stillende Frauen
  • 800 IE für Senioren ab 60 Jahren

Behauptung 8: Der Nutzen von Vitamin D ist erwiesen

Jein. Sicher ist, dass es Menschen mit einem Mangel guttut, ihre Vitaminspeicher zu füllen. Wer zum Beispiel bettlägerig ist und kaum an die Sonne kommt, kann kein Vitamin D in der Haut bilden. Auch Senioren haben oft zu tiefe Vitamin-D-Spiegel, denn ihre Haut produziert bis zu vier Mal weniger davon als die jüngerer Menschen. In solchen Situationen kann eine ausreichende Vitamin-D-Zufuhr bei Senioren jeden dritten Sturz und jeden dritten Hüftbruch verhindern. Ausserdem soll es zum Beispiel die Immunabwehr verbessern.

Behauptung 9: Vitamin D senkt das Risiko für Krebs, Herzinfarkte, Diabetes und vieles mehr

Sowohl in Ärztezeitschriften als auch in Publikumsmedien wird seit rund einem Jahrzehnt vielfach der (vermeintliche) Nutzen des Vitamins D gelobt: Es verlängere das Leben, senke die Zahl der Herzinfarkte, bewahre vor Atemwegsinfekten, Krebserkrankungen, schütze vor Diabetes, Darmpolypen … die Liste der behaupteten Wirkungen wurde immer länger. Viele dieser Annahmen beruhten jedoch auf Studien, die keinen ursächlichen Zusammenhang beweisen.

Inzwischen herrscht – ausser bei starken Befürwortern der Vitamin-D-Gaben – Ernüchterung. Denn grosse, gut gemachte Studien haben inzwischen gezeigt, dass das Vitamin weder Herzinfarkten vorbeugt noch Krebserkrankungen. Es könnte aber Anfälle von Asthma und chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) reduzieren.

«Es ist ein grosser ‹Hype› um dieses Vitamin oder, besser gesagt, um diese Hormon-Vorstufe», stellt Helmut Schatz fest, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und emeritierter Professor an der deutschen Universität Bochum.

Behauptung 10: Vitamin D ist gut erforscht

In bislang über 3000 Studien wurde oder wird zwar die Wirkung von Vitamin D untersucht – aber noch immer sind viele Fragen offen. Beispielsweise fanden Forscher heraus, dass jugendliche Mädchen mit Vitamin-D-Werten, die als normal gelten, «dichtere» Knochen hatten als Mädchen mit tiefen Vitamin-D-Werten. Als die Forscher aber genauer hinsahen, bemerkten sie, dass die Knochendichte damit zusammenhing, wie gut trainiert die Mädchen waren. Die Vitamin-D-Werte zeigten also vermutlich an, welche Mädchen sich viel draussen bewegten und welche vor allem in der Stube sassen. Hat nun die viele Bewegung an der Sonne die Knochendichte verbessert oder das «Sonnenschein-Hormon» oder beides zusammen?

Behauptung 11: Vitamin D beugt Stürzen und Osteoporose vor

Darüber diskutieren Fachleute gerade intensiv. In letzter Zeit seien Studien zum Schluss gekommen, dass die Gabe von Vitamin D auch hier nichts bringe, sagt Helmut Schatz. Bei etablierter Osteoporose von Erwachsenen freilich gebe er seinen Patienten 1000 IE Vitamin D plus 1000 Milligramm Kalzium als Basistherapie.

Die anerkannte US-Preventive Services Task Force (USPSTF), die zu Vorsorgemassnahmen Empfehlungen abgibt, buchstabierte auch zurück: Sie rät gesunden Erwachsenen, die weder Osteoporose noch Risikofaktoren für einen Vitamin-D-Mangel haben, nun weitgehend von einer vorsorglichen Einnahme ab.

Noch stehen die Resultate von zwei weiteren, grossen Studien aus. Eine davon wird voraussichtlich im Sommer 2019 veröffentlicht, die andere im Jahr 2025.

Behauptung 12: Mehr Vitamin D ist besser als wenig

Das dachten auch viele Ärzte eine Weile – und spritzten oder verordneten ihren Patienten hohe Dosen. Inzwischen aber haben Studien gezeigt, dass «mehr» von diesem Vitamin nicht «besser» bedeutet, im Gegenteil: Manchmal erwiesen sich Dosierungen von 30’000, 60’000 oder mehr IE (Internationale Einheiten) pro Monat oder pro Jahr sogar als schlechter, verglichen mit niedrigeren Dosierungen. Die Betroffenen stürzten dann zum Beispiel häufiger als Personen, welche die offiziell empfohlenen Dosen an Vitamin D erhielten.

Behauptung 13: Vitamin D ist harmlos

Von wegen. Man kann sich mit zu viel davon – akut oder chronisch – vergiften. Das Vitamin erhöht den Kalziumspiegel im Blut. Das wiederum kann zu Kalziumablagerungen in den Nieren führen – bis hin zum Nierenversagen. Am Kantonsspital in Frauenfeld stellte sich zum Beispiel eine Patientin vor, die an Bauchschmerzen, Erbrechen, Blutarmut und Nierenschwäche litt. Der Grund: Sie nahm seit eineinhalb Jahren täglich 50’000 IE Vitamin D, weil sie hoffte, dass es gegen ihre Multiple Sklerose helfe.

Durch die körpereigene Produktion von Vitamin D kommt es nicht zur Vergiftung, auch nicht bei sehr viel Sonnenbestrahlung. Denn das Sonnenlicht hilft nicht nur, Vitamin D zu bilden – es zerstört auch ein Zuviel.

von Dr. med. Martina Frei,

publiziert am 17.04.2019


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